Praxis Dr. Inselfisch

Psychologie, Philosophie und Programmierung

1. Januar 2019
von admin
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Good things come to those who wait: meine kleine Neujahrsansprache

Ich machs auch nicht anders als die meisten: zum Start eines neuen Jahres fasse ich gute Vorsätze, einfach weil es eine gute Zeit ist, Resümee zu ziehen und dies zu tun. Mein Hauptvorsatz für 2019: ich will mehr Geduld üben. Muss ich auch ganz pragmatisch, weil meine Pläne fürs neue Jahr jetzt erst mal eine Wartezeit erfordern, ich muss noch circa drei Monate lang die Füsse still halten, ehe es mit einem neuen, grossen Projekt weitergeht.

Geduld ist meine starke Seite nicht, noch nie gewesen. Ich bin ja selber von der schnellen Truppe und erledige viele Dinge wenn es geht sofort, ratzfatz und schnackbummbäng 🙂 Das muss man in meinem Beruf auch können, das Arbeitstempo in der IT ist halsbrecherisch, da hat man nie Zeit sich erstmal in aller Ruhe zu überlegen, wie man etwas angeht, da muss man ohne Gezeter ran an die Buletten und Lösungen liefern, möglichst schon Vorgestern. Damit wird es einem zwar nie langweilig, aber so richtig gesund ist dieses Höllentempo auf die Dauer auch nicht, das artet normalerweise in Stress aus und in viele Überstunden und Wochenendschichten. Das hält auch der hartgesottenste alte ITler nicht jahrelang aus, das geht oft geradenwegs in den Burnout. Da ich allerdings jetzt in der glücklichen Lage bin, mir meine Projekte selber steuern zu können, ist der Einzige der mir Druck macht ich selber, und genau da will ich die Bremse anziehen.

Ich hab da heute einen netten Artikel von Henry Latham über die Geduld, und wie wir sie in unserer Zeit verlernt haben gelesen, hier ist der Link:

https://medium.com/the-polymath-project/societys-problem-with-patience-a6b54a51b365

Er bringt unter anderem ein schönes Zitat von Leo Tolstoj:

“Die beiden mächtigsten Krieger sind Geduld und Zeit.”

Das haben wir in unserem schnellebigen Zeitalter fast alle vergessen. In Zeiten von Instant Information & Instant Gratification muss alles sofort passieren: wir wollen sofort Informationen ergooglen, wollen sofort am Smartphone errreichbar sein, und sofort ein Star oder ein erfolgreicher Startup werden ist auch so eine Seifenblase, der Millionen hinterherhechten, weil es von den Medien so gepusht wird. Sendungen wie „The Voice of Germany“ gaukeln einem vor, dass man über Nacht zum Star werden kann, und lassen die Jahre der Vorbereitung und der harten Arbeit bewusst aussen vor. Ein Fingerschnippen muss genügen und dann muss sofort passieren was wir uns wünschen, so sieht das heutzutage in den Medien aus.

Es gibt ein nettes altes amerikanisches Sprichwort, das lautet: „Good things come to those who wait“, wörtlich: „Gute Dinge kommen zu denen, die warten können.“ Das möchte ich mir mehr zu Herzen nehmen. Nathan Sykes hat ein hübsches Lied mit einem sehr einfühlsamen Text daraus gemacht, hier ist ein schnuckeliges Video davon:

Es fängt an mit dem Text (sinngemäss): „Es ist kein Notfall, keine Sirenen vor mir, nichts hält mich davon ab, meinen Weg zu gehen…“

Die Lyrics handeln davon, dass man an seinem Platz bleiben und in aller Ruhe abwarten kann, dass man sich nicht abhetzen muss, weil es sowieso nichts bringt, dass man kurz gesagt mit Geduld eher weiterkommt als mit hektischem Aktionismus. Das Lied ist ein schöner Ohrwurm, und die Message versuche ich mir zu Herzen zu nehmen.

Da ich aber im Nichtstun und nur Abwarten ganz,  ganz schlecht bin, werde ich noch viel üben müssen. Ich hab ja Tausend Kleinprojekte im Bereich Kunst, Hobby und Handwerk, ich werde denen mehr Raum geben, solange ich noch abwarten muss mit der grossen neuen IT-Herausforderung. Ich hab ja sogar ein recht ehrgeiziges neues privates Programmierprojekt, mit dem ich mich sicher viele Stunden und Tage beschäftigen könnte, aber die ganze Zeit nur am Computer zu sitzen ist auch nicht gesund. Das limitiere ich mir auf wenige Stunden pro Tag, und ansonsten werde ich mich in der nächsten Zeit jetzt eher den schönen Künsten widmen – und meiner Wohnung, die ist nämlich noch nicht fertig renoviert. Und ansonsten werde ich Geduld haben, die paar Monate gehen auch vorbei. Es tut meinen Freundschaften und Bekanntschaften sicher auch gut, wenn ich mal nicht wie eine Wilde vorneweg galoppiere, sondern mal einen Zacken langsamer fahre und auch mal drauf schaue, ob die anderen auch mitkommen. Das übersieht man nämlich sehr gerne, wenn man das Leben auf der Überholspur fährt: es wird ganz schnell einsam da vorne.

Dann lieber abwarten und Tee trinken…. und auch mal gute Freunde dazu einladen. Denn, so steht es sehr wahr auf meiner schönsten Weihnachtspostkarte: es sind die Begegnungen mit Menschen, die unser Leben lebenswert machen. Und das passt perfekt zu meinem guten Vorsatz fürs neue Jahr. Mehr Geduld üben, mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nehmen. Ich probiers mal – und ich werde berichten, wie es mir gelingt.

Ich wünsche allen ein wunderbares neues Jahr, und mögen eure guten Vorsätze so wahr werden, wie ihr es euch wünscht!

prostneujahr

prostneujahr

23. Dezember 2018
von admin
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20.000 mal am Tag – wie schnell schalten sie?

Wenn man den gängigen Untersuchungen und Studien glauben soll, trifft ein Mensch in unserer heutigen Zeit ungefähr 20.000 Entscheidungen am Tag, manche sagen auch 30.000 und mehr. Das ist ein Haufen Holz – zigtausend Mal ja oder nein, oder dies oder das, oder gar auch noch mehrere Möglichkeiten zur Auswahl. Logisch, dass da die meisten Entscheidungen blitzartig und ohne grosses Nachdenken gefällt werden, dafür haben wir unseren Instinkt, unsere erworbenen Erfahrungen und unser Bauchgefühl. Wenn man sich nämlich lange mit gedanklichen Abwägungen aufhält, kommt man gar nicht durch den Tag, das muss alles in einer affenartigen Geschwindigkeit passieren. Vieles davon ist auch trivial und anscheinend ohne grosse Konsequenzen. Anscheinend.

Hau ich morgens meinem Wecker nochmal auf die Snooze-Taste? OK, aber dann fehlen mir nachher die fünf Minuten beim Frühstück, und es reicht nicht mehr für die zweite Tasse Kaffee, weil ich aus dem Haus muss. Das hat zur Folge, dass mein Gehirn noch nicht ganz wach ist beim Autofahren, und ich die Entscheidung, ob ich bei der Ampel bei Gelb noch anhalte oder ob ich weiterfahre nicht rechtzeitig fälle – und prompt Rot und den freundlichen Blitzer erwische. Was wiederum zur Folge hat, dass ich schon verärgert und angefressen im Büro erscheine und den Kollegen, der jetzt in der Früh schon etwas von mir will erstmal anblaffe, statt ihm zuzuhören – dabei hätte der eine wichtige Lösung für ein Problem, an dem wir schon tagelang herumkauen. Deswegen musss ich dem Chef, der wenig später nach dem Stand der Dinge fragt, leider mitteilen dass wir noch keinen Schritt weiter sind, und der entscheidet prompt, das dem Kunden auch so mitzuteilen und schlechte Publicity für unser Team zu produzieren. Ganz davon abgesehen dass der Abgabetermin für das Projekt nochmal verschoben werden muss, und die Buchhaltung entscheiden muss dass vorläufig noch keine Rechnung gestellt werden kann…. und das alles bloss, weil ich auf die Snooze-Taste gehauen habe!

Ich hab das jetzt nicht wirklich übertrieben, so laufen Entscheidungsketten nunmal ab – sobald menschliche Gehirne involviert sind, kann man keine strikt logische Kausalkette mehr berechnen wie es zum Beispiel beim Ablauf eines Computerprogramms der Fall ist. Menschen entscheiden oft aus nicht rationalen Gründen, das müssen sie tun, weil sie so unter Zeitdruck stehen. Ganz besonders schlimm ausgeprägt ist das in meiner Branche, der Informatik. IT-Projekte stehen notorisch unter Volldampf und hätten immer gestern schon fertig sein müssen,weil irgend jemand bei der Einschätzung des voraussichtlichen Zeitbedarfs und Arbeitsaufwandes komplett falsch entschieden hat. Das kommt daher, weil man sich in den meisten Fällen mit neuen und unerprobten Technologien herumschlagen muss und nicht auf Bewährtes und jahrelang Geübtes zurückgreifen kann, deswegen gehen so viele Projektentscheidungen in der IT auch komplett in die Hosen.

Hätte ich meinen Jugend-Berufswusch verwirklicht und Möbelschreiner gelernt, würde ich ganz anders arbeiten können. Das Schreinerhandwerk ist ein traditionsreicher, altehrwürdiger Beruf, und ein Tisch oder Stuhl aus Holz wird heute nicht viel anders gefertigt als vor vielen hundert Jahren schon. Es gibt erprobte Bemassungen und Arbeitsweisen – wie hoch soll die Sitzfläche oder die Tischhöhe sein, welche Verzapfung verwendet man für eine gefugte Rückenlehne, wie montiert man die Tischbeine an der Zarge so dass sie nicht wackeln und stabil bleiben. Man kann auf einen Jahrhunderte alten Erfahrungsschatz zurückgreifen, das wird jedem Lehrling beigebracht und jeder junge Meister verfeinert und vervollkommnet das altüberlieferte Wissen, ehe er es mit seinen eigenen Ideen anreichert und sein Meisterstück anfertigt. Die Werkzeuge – Säge, Bohrer, Hobel, Schleifgerät – sind auch seit Jahrhunderten die selben, nur wird heute vieles elektrisch angetrieben, was man früher mit Dampf, mit Wasserkraft oder mit reinem Irxenschmalz (bayr. für Muskelkraft) machte. In traditionell geführten Werkstätten arbeitende Möbelschreiner leiden höchst selten unter Stress, und Burnout ist ein nahezu unbekanntes Phänomen in der Branche. Bei den ITlern erwischts nahezu jeden früher oder später, deswegen gibt es so wenige ältere Arbeitnehmer in der Branche, die habens alle schlicht aufgegeben und haben die Branche gewechselt, oder sind aus gesundheitlichen Gründen in Frührente geschickt worden

Nach einer Studie der Pronova BKK leiden 87% der deutschen Arbeitnehmer unter Stress, jeder zweite (!) fühlt sich vom Burnout bedroht. Als Hauptursache für den Dauerstress wird der ständige Termindruck genannt – und da sind wir wieder bei unseren Entscheidungen gelandet. Zeitdruck verlangt noch schnellere Reaktionsfähigkeit, noch schnelleres Umschalten, noch schnellere Trefferquote bei allem was wir tun… und das geht bei Dauerstress nie gut, wer gestresst ist neigt zu Panikreaktionen und Fehlentscheidungen. Wer ständig nur noch defensiv Probleme niederknüppeln muss, kann nicht produktiv arbeiten, und das haut auch dem Stärksten schnell auf die Gesundheit, dann macht der Beruf uns krank.

Was hilft dagegen?

Ganz offensichtlich nur eins: Stress reduzieren. Mehr Zeit zum Nachdenken haben. Projekte in Ruhe planen und wohlüberlegt durchziehen.  Reaktionen und Antworten besser abwägen, wichtige Entscheidungen gut überdenken. Wenn das immer so einfach wäre… oft geht es nur mit einem Jobwechsel, und ob es dann in der neuen Firma wirklich besser ist, darauf kann man sich auch nicht verlassen. Arbeitszeit reduzieren ist auch ein gutes Mittel gegen Dauerstress, wer sich nur noch halbtags mit dem täglichen Wahnsinn auseinandersetzen muss, hat mehr Zeit zum erholen dazwischen und ist dem Dauerstress meistens besser gewachsen. Leider ist das noch nicht wirklich zu unseren Arbeitgebern durchgedrungen, meistens sind 40+ Wochenstunden die Regel. Teilzeitstellen werden höchstens noch im öffentlichen Dienst angeboten, die sind da etwas fortschrittlicher, das kommt daher dass sie bei gleicher Eignung auch Arbeitnehmer mit Handicap einstellen müssen, die sind halt nicht Fulltime belastbar.

Am Ende muss jeder selber entscheiden, was er gegen die tägliche Entscheidungsflut unternimmt, und ob er das seiner Gesundheit noch zumuten kann und will. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit dürfte dabei der stärkste Entscheidungsfaktor sein, deswegen arbeiten ja auch so viele Menschen bis zum Umfallen, bis sie krank werden und einfach nicht mehr können. Da ist was faul in unserem Staat, aber das ist eigentlich schon ein ganz anderes Thema, das lasse ich jetzt mal so stehen.

Und wünsche ihnen eine stressfreie Zeit, wenigstens über die Feiertage – machen sie mal langsam. Die wichtigste Entscheidung ist jetzt, ob ich erst ein Vanillekipferl oder erst einen Lebkuchen esse, und ob ich mir einen Milchkaffee oder einen schönen Earl Grey dazu koche. Und dann entscheide ich noch, ob heuer Lametta an den Christbaum kommt oder nicht, und ob ich rote oder gelbe Kerzen aufstecke. Das sind jetzt wirklich wichtige Dinge, die wohl abgewogen werden möchten – meinen sie nicht auch?

frohe_weihnachten

Frohe Weihnachten

 

23. Dezember 2018
von admin
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Der Mond ist mein Freund – mein Rezept bei Schlafstörungen

Kennen sie das auch: mitten in der Nacht ist man plötzlich hellwach, an Weiterschlafen ist nicht zu denken – und es ist erst halb vier Uhr Morgens, noch Stunden, bis der Wecker klingelt. Der Kopf brummt als ob man am Abend vorher gezochen hätte, die Zunge ist pelzig und man hat einen scheusslichen Geschmack im Mund. Insgesamt eine gräusliche Verfassung, man fühlt sich elend.

Was tun?

Zuallererst mal: keine Panik. Ein gesunder Erwachsener kommt mit ca. 6-7 Stunden Schlaf aus, aber 4-5 können auch mal reichen. Bei Vollmond zum Beispiel, oder auch wenn das Wetter umschlägt, oder wenn man aus irgendeinem Grund Streß und viele Gedanken im Kopf hat, dann kann die Nacht schon mal extrem kurz sein. Aber, wie gesagt, kein Grund zur Panik.

Erste Massnahme: aufstehen, aus dem Fenster schauen, ob man den Mond sieht, (sehr wahrscheinlich ja) und mal nach den Sternen gucken – man sieht sie jetzt besonders schön. Licht anmachen, kräftig durchatmen und mal gut strecken.

Zweite (nahezu lebensrettende) Massnahme: man kocht sich einen schönen Milchkaffee, ich bevorzuge Espresso mit heisser Milch, aber ein guter Bohnenkaffee tuts auch. Mit Milch, weil das magenfreundlicher ist, und mit ein bisschen Zucker, weil das den Blutzuckerspiegel in die Gänge bringt. Bis der Kaffee durchgelaufen ist, putzt man sich die Zähne mit einer erfrischenden Pfefferminz-Zahnpasta, davon geht der schlechte Geschmack im Mund weg. Dann geniesst man seine erste Tasse Kaffee. Das Koffein geht sofort ins Blut, es erweitert die Blutgefäße im Kopf, der Druck und das Brummen gehen nach wenigen Minuten weg, auch ohne Aspirin. Milch und Zucker machen ein angenehmes Gefühl im Magen, und auch die Wärme des Kaffees tut wohl. Schlürfen sie ihren ersten Morgenkaffee mit bewusstem Genuss, das tut jetzt gut und bringt ihr Verdauungssystem und ihren Kreislauf auf Vordermann.

Dritte Massnahme: essen sie eine Kleinigkeit, bevorzugt etwas mit Fruchtzucker drin. Das kann ein Müsli mit Obst sein, ein Fruchtjoghurt, oder auch ein Marmeladebrot – ich nehme gern ein Scheibchen frischen Toast mit leckerer Orangenmarmelade oder selbstgekochtem Zwetschgenmus, das ist eine Delikatesse am frühen Morgen. Es kann durchaus sein, dass sie auf die süsse Kleinigkeit noch mehr Appetit kriegen, weil ihr System auf den Zucker positiv reagiert. Ja prima! Dann machen sie doch gleich mal richtig Frühstück, ruhig mit einem Frühstücksei, Brot und Wurst und Käse, oder noch mehr Marmelade oder auch Honig, was ihnen schmeckt und so wie sie es gern mögen. Trinken sie dazu ein Glas Saft, oder auch eine Multivitamin- oder Magnesiumbrause, die Flüssigkeit tut dem System gut und macht einen klaren Kopf.

Bis sie fertig gefrühstückt haben, dürfte es jetzt schon eine Stunde oder mehr nach dem Aufstehen sein, und das ist eine wunderbare Zeit! Wer morgens um 5 schon hellwach ist (und nach dem guten Frühstück sind sie das) hat im Normalfall noch ungefähr zwei Stunden Zeit bis der Wecker klingelt, und die nutzen wir jetzt für uns selber, das ist geschenkte Zeit! Machen sie etwas Schönes, etwas für sich selber, etwas das ihnen Freude macht. Malen sie ein Bild, schreiben sie ein Gedicht (oder einen Blog-Beitrag 🙂 …), stricken sie oder basteln sie etwas, je nachdem was sie gerne tun und für was sie sonst wenig Zeit finden. Wenn ihnen gar nichts anderes einfällt, können sie auch ihre E-Mails von gestern beantworten, oder etwas für die Arbeit tun – ich kann so früh am Morgen besonders gut programmieren und habe schon so manches kniffelige Problem am Computer früh um halb fünf gelöst.

Was sie auch tun: tun sie es in aller Ruhe, die frühen Morgenstunden sind geschenkte Zeit, die gehören ihnen selber, niemand steht hinter ihnen und treibt sie an, und niemand mault rum, dass sie um diese gottlose Tageszeit doch ins Bett gehören – also tun sie es selbst auch nicht. Es ist ausdrücklich erlaubt, sich die Nacht zum Freund zu machen, wenn man nicht mehr schlafen kann.  Und wenn der Vollmond durch meinen Wintergarten hereinscheint, grüße ich ihn fröhlich und sage: wir beide, alter Freund, wir sind jetzt wach wenn alle anderen schlafen. Lass uns die Zeit nutzen!

vollmond

vollmond

Wenn dann die erste Morgendämmerung heraufscheint, habe ich schon ein paar Stunden Vorlauf, bin glockenwach und kann den Morgen mit frischer Kraft begrüssen. Manchmal lege ich mich auch nochmal für ein Stündchen hin, bis der Wecker klingelt, aber das kommt eher selten vor, meistens starte ich in der Früh schon durch und beginne den Tag mit Schwung und gutem Mut. Das geht nur, weil ich keine Angst habe, dass mir der wenige Schlaf den Tag kaputtmacht. Das lasse ich nämlich nicht zu, siehe allererste Massnahme: nur keine Panik! Schlafstörungen regeln sich im Normalfall von selber, wenn man sich nicht verrückt macht. Und wenn sie letzte Nacht wirklich nur 4-5 Stunden geschlafen haben, ja und? Dann werden sie eben ein Mittagsschläfchen machen, wenn es geht, oder sich nach Feierabend zur Siesta aufs Sofa zurückziehen. Und sie werden in der folgenden Nacht sehr wahrscheinlich mehr und länger schlafen, unser System regelt sowas normalerweise automatisch.

Ein ernstes Wort zum Schluss: lassen sie sich nicht dazu verleiten, mitten in der Nacht Schlaftabletten zu nehmen, die wirken dann zur falschen Zeit und machen sie genau dann am kaputtesten, wenn der Wecker klingelt, dann wird der Tag die Hölle. Schlaftabletten sollten ohne ärztlichen Rat überhaupt nicht genommen werden, und auch dann nur im Ausnahmefall, denn sie machen sehr schnell abhängig und zerstören den natürlichen Schlaf/Wachrythmus. Ich weiss leider aus Erfahrung, dass manche Ärzte (besonders in Krankenhäusern und Kliniken) sehr schnell mit dem Verschreiben von Schlaftabletten zur Hand sind, aber das ist eine gefährliche Angelegenheit. Man will eben nicht, dass die Patienten nachts um vier durch die Klinik geistern, und stellt sie lieber ruhig.

Ich habe da meine eigenen Erfahrungen gemacht: hab die Tabletten in der Klinik nicht geschluckt, bin um vier in der Früh in den Aufenthaltsraum gegangen und hab mir einen Instant-Kaffee gekocht und ein paar Kekse geknabbert, und mich mit dem netten Nachtpfleger unterhalten, der sich freute dass er um diese Uhrzeit schon Gesellschaft hatte. Das hab ich ungefähr eine Woche lang durchgezogen, und dann habe ich wieder ganz normal geschlafen, auch ohne Schlaftabletten. Sowas funktioniert, auch für sie. Sie müssen keine Angst haben, denn die Nacht kann auch ein Freund sein.

22. Dezember 2018
von admin
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Sind sie horizontal oder vertikal reich?

Ich habe kürzlich einen sehr amüsanten und informativen Artikel von Charles Chu über vertikalen und horizontalen Reichtum gelesen:

https://medium.com/the-polymath-project/the-price-of-happiness-horizontal-vs-vertical-wealth-6057e9b35d66

Er leiht sich die Definition von den Unternehmensberatern und Wirtschaftswissenschaftlern, die diese Nomenklatur für die Klassifikation kommerzieller Firmen verwenden. Vertikaler Reichtum bedeutet, dass man sich an anderen reichen Leuten misst und das tut, was die auch tun: eine teure Villa einrichten, eine Yacht kaufen, in Gstaadt zum Skifahren gehen, dicke Autos fahren und in teuren Resorthotels Urlaub machen zum Beispiel.

Horizontaler Reichtum ist es, wenn man sich seine persönlichen Vorlieben nicht vom vielen Geld diktieren läßt. Sie lieben Bücher und haben einen Haufen Geld? Kaufen sie mehr Bücher und lesen sie sie mit Genuss! In dem Zuge könnte man auch die alten Ikea-Bücherregale gegen eine schöne Massivholzbibliothek austauschen.

Ich tendiere definitiv zum horizontalen Reichtum. Seit ich aus meiner zugegeben schönen, aber viel zu grossen und überteuerten Altbauwohnung in Haidhausen in mein sonniges kleines Domizil im hohen Norden von München umgezogen bin, bleibt wesentlich mehr Geld in der Haushaltskasse, weil ich nur noch ein Viertel Miete monatlich bezahle. Was mache ich mit dem ersparten Geld? Ich lasse es mir gut gehen, und bleibe dabei auf dem Teppich. Ich würde es mir dreimal überlegen, wieder in eine grössere Wohnung umzuziehen, weil die a) in München eh nicht erschwinglich sind und ich in der Stadt bleiben möchte und b) weil ich in der kleineren Bude wesentlich weniger Putzarbeit habe, und ich putze nun mal nicht so gern. Mit meiner preiswerten Miete kann ich es mir sogar leisten, fürs Fensterputzen eine Putzfrau zu bezahlen, da fällt schon mal das ungeliebteste Stück Hausputz weg, den Luxus gönne ich mir. Ausserdem ist das Schönste an meinem kleinen Domizil die grosse Fensterfront mit dem Wintergarten, und wenn da die Fenster immer sauber sind, habe ich die höchste Freude an meiner sonnigen Bude und den herrlichen Sonnenuntergängen, die ich vom Wohnzimmer aus fast das ganze Jahr lang beobachten kann. Also, ich bin mehr als zufrieden mit meiner Wohnsituation, ich mag sogar die Gegend, obwohl es eigentlich ein „Glasscherbenviertel“ ist, aber ich bin hier um die Ecke aufgewachsen und kenne die schönen Platzerl im Münchner Norden.

Was gönne ich mir noch? Ein Auto, weil ich nicht immer alle schweren Einkäufe zu Fuß heimschleppen will, und weil ich gelegentlich auch mal zum Ikea oder zum Baumarkt oder zum Starberger See fahren möchte. Es ist ein recht betagter gebrauchter Kombi, aber für mich tuts der vollkommen, ich bin nicht scharf auf PS oder chromblitzende Karosserien, für mich ist ein Auto ein Gebrauchsgegenstand. Vielleicht tausche  ich ihn mal gegen ein kleines Stadtflitzerchen um, der Kombi ist zwar praktisch, aber mir eigentlich zu gross, so ein kleiner Fiat 500 oder ein Nissan Micra würde mir auch gefallen, und ich fände viel leichter Parklücken, in die ich auch hineinkomme – einparken ist nicht meine Stärke. Ich gönne mir auch ein Motorrad, obwohl ich selber nicht mehr viel fahre, aber mein bester Freund ist ein begnadeter Motorradpilot, und ich fahre sehr gern bei ihm als Sozia mit. Mein Motorrad ist ein Oldtimer, ich hab sie schon seit fast 20 Jahren, eine alte BMW Boxer in feuerwehrrot – so eine wollte ich immer schon haben, und ich geb sie nie wieder her. Ich brauche auch kein neues Motorrad, ich habe meine Traum-Maschine schon 🙂

Schicke Designerklamotten? Aber ja doch! Ich designe seit vielen Jahren meine eigenen Strickmoden, und da sind tolle Stücke dabei, das können sie mir glauben, da krieg ich immer viele Komplimente dafür. Aber Streifzüge durch die Boutiquen mache ich nicht, da hole ich mir doch bloss einen Frust. Ich habe nämlich eine Figur, die definitiv nicht von der Stange ist. Wenn mir Hosen in der Hüfte passen, sind sie mir wegen meiner langen Haxen immer am Knöchel zu kurz, und wenn ein Blazer oder eine Bluse genug Raum für mein breites Kreuz mitbringen soll, muss ich zu Kleidergrösse Elefant greifen, und da gibts eigentlich nur Designs Marke Kartoffelsack. Also nähe ich mir meine Basics selber, da sind wenigstens die Hosen lang genug, und in den Oberteilen krieg ich meine heroischen Schultern samt der Oberweite gut unter. Also, teure Klamotten: auch Fehlanzeige.

Wo lasse ich es dann richtig krachen? Beim Essen und Trinken! Nur vom Feinsten, das Bio-Fleisch vom Dorfmetzger (bringt mir mein Freund vom Land mit), das Lamm vom Türken, das Geflügel von Stephani am Viktualienmarkt, da bin ich alle 14 Tage und nehme mir was Feines mit. Nur den besten Lavazza Espresso für meinen Frühstücks-Cafe-Latte, und abends darf es dann ein Unertl Leichtes Weizen vom Allerfeinsten sein. Besten Wein trinke ich bei meinem Freund, der kauft ihn zuhause in Württemberg direkt beim Winzer, und allerfeinste Obstschnäpse bringen wir uns aus dem Urlaub vom Walchensee mit – da reicht ein Flascherl allerdings dann allerdings schon mal ein halbes Jahr, weil wir sehr sparsam damit umgehen. Seit ich mir abgewöhnt habe, immer gleich Essen für eine halbe Kompanie einzukaufen (wir waren eine grosse Familie zuhause) komme ich mit erstaunlich wenig Lebensmitteln aus, ich esse ja meistens allein, und so darf es dann auch mal ein wenig mehr kosten.

Was ich mir sonst noch an Luxus gönne: bestes und schönstes Material für meine Hobbies. Aquarellfarben nur in allerfeinster Künstlerqualität (hab ich einen Kasten voll, halten Jahrzehnte bei gekonntem Umgang), Wolle aus überwiegend Naturfasern (bestelle ich mir Online bei einer Firma, die sehr feine Qualitäten selber produziert), feuerpolierte böhmische Glasschliffperlen zum Schmuckbasteln (bestelle ich direkt in Tschechien), erlesene Veredelungsmaterialien für meine selbstgebauten Massivholzmöbel (Schellack, Wachspolitur, Leinölfirnis… gibts in jedem Baumarkt, muss man nur verarbeiten können)… die Liste liesse sich noch fortsetzen, ich hab ja so viele Hobbies. Aber ich hab schon vor vielen Jahren gelernt, bei Selbstgemachtem nicht am falschen Ende zu sparen, und nur gutes Material einzukaufen, den Luxus leiste ich mir.

Das wars jetzt eigentlich schon so ziemlich. Gelegentlich mal ein Buch oder eine Zeitschrift (ich lese heutzutage mehr online), ab und zu ein paar Blumen, im Sommer eine Radlerhalbe im Biergarten und ein Eis beim Gelataio, im Winter ein Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt und ein paar Bratwürste in der Semmel oder ein Döner. Das sind die Luxusgenüsse, auf die ich nicht verzichten möchte, und die ich mir leisten kann ohne im Lotto gewonnen zu haben.

Wenn ich jetzt noch viel mehr Geld hätte – würde sich dann viel ändern? Ich würde mehr reisen, glaube ich, aber da ich nicht gern fliege fallen Luxus-Fernziele von Haus aus aus. Dann eher noch mal zum Gardasee oder ans Meer, egal ob Adria oder Nordsee, das würde ich mir sicher leisten. Aus meinem alten Kombi würde ein neues Smartle werden, und statt dem alten Dreigangfahrrad würde ich mir einen schicken Alurenner kaufen, dann würde ich sicher öfter Radfahren, zum Feldmochinger See rüber zum Beispiel. Aber ich würde mit Sicherheit nicht mein Leben auf den Kopf stellen, bloss weil ich mehr Geld hätte, da bin ich ganz zuversichtlich. Ich bin lieber horizontal reich – und eigentlich bin ich das jetzt schon 🙂

22. Dezember 2018
von admin
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Geschenkt für alle – Public Domain und Open Source

Es ist wieder diese Zeit im Jahr: mich juckt der Statistik-Nerv, ich schau mir zum Jahresende die Besucherstatistiken meiner Blogs mal wieder genauer an. Alle alten Programmierer lieben Statistiken, ich bin da keine Ausnahme, und liebe meine Zahlenschubsereien.

Der absolute Renner ist nach wie vor mein barrierefreies Inselfisch-Kochbuch, mit weit über 100.000 Besuchern und einem Schnitt von knapp 200 Besuchern/Tag. Dicht gefolgt von meinen Oddballs Handarbeitsseiten, hier habe ich über 60.000 Besucher, ca. 120 am Tag.Der nächste Renner ist mein Blog für alte Programmierer, das Bistro zum schwarzen Pinguin verzeichnete dieses Jahr gut 30.000 Besucher, ca. 90/Tag. Ein Hit sind auch meine Seiten mit den Landschaftsbildern, Aquarell – Malen mit Licht und Luft verzeichnete knapp 19.000 Besucher, ca. 30 am Tag. Sogar mein kleiner Glasperlenschmuck-Blog Evis Finest ist noch gut mit im Rennen, hier hatte ich knapp 14.000 Besucher/ca. 15 am Tag.

Wenn man noch ein bisschen Kleinkram mitrechnet (die Computergrafiken, die Hörbilder, die Kinderbücher…) sind das mal flockig an die 250.000 Besucher auf meiner Webseite evileu.de , das ist eine Viertel Million! Das ist der Hammer, finde ich, für eine nicht-kommerzielle private kleine Seite sind das schon stolze Zahlen.

Ich werde angesichts dieser Besucherzahlen immer wieder gefragt, ob ich nicht darüber Nachdenke, Geld mit meinen Webseiten zu verdienen. Ich denke darüber nach, recht oft sogar. Und komme immer wieder zum selben Ergebnis: Njet, nein Danke.

Ich könnte zum Beispiel im Inselfisch-Kochbuch Anzeigen von Lebensmittelfirmen schalten, die wären da sicher interessiert. Ja, und dann? Für die paar Kröten, die da hereinkommen würden, ginge meine schöne Barrierefreiheit über den Jordan, aufpoppende Werbeeinblendungen sind eine Zumutung für Screenreader-Benutzer. Erschwerend kommt hinzu, dass ich nicht für jedes x-beliebige Food-Produkt Werbung machen wollte, Fixprodukte und Fertiggerichte kommen z.B. bei mir nicht ins Haus. Da würde ich schon eher Werbung für Geschäfte machen wollen, wo ich selber gern einkaufe und hinter der Qualität stehe, aber das sind durch die Bank kleine Einzelhandelsbetriebe, die kein oder nur ein sehr kleines Werbebudget haben, da wirds wieder nix mit dem Riesen-Reibach. Also: keine Werbung im Inselfisch-Kochbuch.

Man könnte auch für den Download von Rezepten eine kleine Gebühr verlangen, Kleinvieh macht auch Mist, da käme wahrscheinlich mit der Zeit ganz schön was zusammen. Da sträuben sich mir aber sämtliche Antennen, schliesslich veröffentliche ich meine Rezepte, damit sie jeder Nachkochen kann. Dazu gehört auch, dass man in meinen Rezepten schmökern kann und sich die heraussuchen, die einen am meisten ansprechen – wenn man erst was zahlen müsste, bevor man ein Rezept begutachten kann, das fände ich kontraproduktiv. Woher soll man vorher wissen, ob man es sich zutraut, ein Rezept nach meiner Anleitung selbst zuzubereiten? Ich denke da vor allem auch an meine Besucher mit Handicap, die ganz sicher erstmal das ganze Rezept gründlich durchlesen wollen, ehe sie sich an die Zubereitung wagen. Also, Downloadgebühr für Rezepte fällt auch aus.

Genauso sieht es auf meinen Oddballs-Handarbeitsseiten aus: ich biete unter anderem eine ganze Latte barrierefreier Strickanleitungen zum kostenlosen Download an. Da ich meine Zielgruppe gut kenne und auch viel Feedback vor allem von meinen sehgeschädigten Handarbeitsfreundinnen bekomme, weiss ich dass die ganz viel damit zu kämpfen haben, dass Anleitungen dann doch nicht barrierefrei sind und für Strickerinnen mit Handicap nicht zum Nacharbeiten taugen. Bei mir kann man sich die Anleitungen kostenlos herunterladen und in Ruhe ausprobieren, ich mag da kein Geld dafür verlangen. Auch die nicht-barrierefreien Anleitungen sind und bleiben bei mir kostenlos.

Bei meinen Aquarellen sieht es auch nicht viel anders aus. Ich weiss, dass die Bilder ganz viel kopiert und ausgedruckt werden, aber ich mag da auch keine Download-Gebühren verlangen, weil es den ganzen Sinn und Zweck meiner Bilder-Webseite in Frage stellen würde. Ich habe die Seite als Medium geschaffen, damit meine Bilder unter die Leute kommen und gesehen werden, und so alle heiligen Zeiten einmal verkaufe ich auch eins. Aber nicht die kommerzielle Vermarktung ist mein Ziel, sondern die Präsentation meiner Arbeiten in einem schönen Rahmen, wo man auch zum Beispiel nach Lieblingsplätzen oder Jahreszeiten Bilder suchen kann und eine schöne Auswahl findet. Meine Besucherzahlen geben mir recht – die Bilderseiten sind sehr beliebt, und ich habe schon oft das Feedback gekriegt, dass manche Benutzer immer wieder kommen und sich die Bilder ansehen, weil sie ihnen so gut gefallen. Das ist mein Profit – die Bestätigung, dass meine Aquarelle bei meinem Publikum gut ankommen.

Und was hat das alles jetzt mit Public Domain und Open Source zu tun?

Alles! Ich bin ein „Digital Native“, ich bin mit dem Internet zusammen in meinem Beruf grossgeworden, und ich vertrete von Anfang an die Überzeugung, dass das Web eine freie Informationsquelle für alle sein und bleiben sollte. Die explodierende Kommerzialisierung der letzten 10, 20 Jahre finde ich fürchterlich, aber gottseidank bin ich gegen Werbung immun und klicke schneller weg als man „Cash“ sagen kann, wenn ich mal auf einer Seite lande die mir nur irgendwelchen Schotter verkaufen will.

Dagegen bin ich Dauerkunde bei vielen freien Foren, die sich ohne Abkassieren und Abzocke mit Themen beschäftigen, die mich interessieren. Ich bin viel in den Webdesign- und Programmiererforen unterwegs, ich nutze sehr gerne die hervorragenden Online-Schulungsangebote des W3C, ich surfe mit Begeisterung durch die kostenlosen Handarbeitsanleitungen auf Ravelry, ich engagiere mich in den WordPress-Accessibility Aktivitäten, um nur einige wenige zu nennen. Ich weigere mich strikt, für solche Dienste und Informationsquellen etwas zu bezahlen, es gibt genügend freie Angebote, man muss halt manchmal ein bisschen länger recherchieren, aber es ist alles da und frei zugänglich. Das ist gut so, und mein Beitrag dazu, dass es auch in Zukunft so bleibt ist es eben, auf meiner privaten Webseite evileu.de niemanden abzukassieren. Meine Seiten sind und bleiben frei zugänglich, einige sogar als besonderer Service barrierefrei bzw. barrierearm, und ich bin stolz darauf dass ich mit meinen unterschiedlichen Interessengebieten und Angeboten so viele Besucher anziehe.

Das ist meine Internet-Philosophie: ich hole mir viel aus dem Netz und lerne und staune täglich wieder, was es alles an tollen kostenlosen Angeboten gibt. Ich revanchiere mich dafür mit meinen eigenen kommerzfreien Webseiten, in meinem mittlerweile gar nicht mehr so kleinen Rahmen. Das ist die Idee hinter Public Domain und Open Source, dahinter stehe ich, und ich glaube nicht dass sich daran jemals etwas ändern wird.

21. Dezember 2018
von admin
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Kratz da, wo es dich selber juckt – eine originelle Erfolgsstrategie

Ich habe diese Woche einen interessanten und witzigen Beitrag von Aytekin Tank gelesen:

https://medium.com/swlh/the-power-of-scratching-your-own-itch-75f8cc59e7

Er vertritt mit Witz und eingängigen Beispielen die These, dass man, um mit einem Produkt erfolgreich zu sein, es auch selbst benutzen muss. Und zwar egal was, ob das jetzt ein Online-Formular für deine Webseite oder ein Proteinriegel für deine Ernährung ist, völlig Wurst, nur wenn du es selbst auch nutzt wirst du damit Erfolg haben.

Denn, so argumentiert Tank, nur wenn es deine Bedürfnisse befriedigt bzw. dein Leben angenehmer oder einfacher gestaltet, nur dann wird es auch jemand anders benutzen wollen. Da ist was Wahres dran!

Mein mit Abstand (über 100.000 Besucher) erfolgreichster Blog, das Inselfisch-Kochbuch, enthält nur Rezepte, die ich selber tatsächlich auch koche, ob in der Alltagsküche oder zu Feiertagen, alles ist von mir praxiserprobt und zig-fach getestet worden. Deswegen sind meine Rezepte auch so beliebt: die kann jeder Nachkochen, da ist nichts Abgehobenes dabei und kein spinnerter Gourmetkrams, sondern es gibt einfach gutes Essen, das man in jedem normalen Haushalt selber herstellen kann. Ich bin auch selber ein guter Kunde im Inselfisch-Kochbuch, ich schau oft mal schnell ein Rezept nach, wenn ich es nicht auswendig weiss. Dabei bewährt sich die Stichwortsuche, der Kategorienbaum und das Inhaltsverzeichnis, die benutze ich selber auch ganz oft.  Und man hat nicht den Zettelkram wie bei in Ordnern abgelegten ausgedruckten oder handgeschriebenen Rezepten, und findet Online viel schneller was man sucht. Das Inselfisch-Kochbuch ist eben ein Nachschlagewerk für Normalverbraucher, deswegen ist es auch so erfolgreich.

Meine nächsten zwei erfolgreichsten Blogs, die Seiten über die Aquarellmalerei und der Blog für alte Programmierer, beide mit an die 20.000 Besuchern, verwende ich selber auch häufig, nämlich auch als Nachschlagewerke.

Ich brauche ein Bild vom Starnberger See im Frühling? Zack, mit dem Kategorienbaum nach Gegend und nach Jahreszeit habe ich es Nullkommanix gefunden. Und da ich in meinem Malerei-Blog immer das Entstehungsdatum mitnotiere, kann ich dann ans Magazin gehen, da sind meine Aquarelle nämlich nach Jahren geordnet abgelegt. So finde ich schnell das Gesuchte, und hab immer Ordnung in meiner Bilderablage.

Ich brauche schnell den Algorithmus für den Beitragsimport nach WordPress, komplett mit Kategorien? Stichwortsuche im Programmierer-Blog, das hab ich gleich gefunden. Und da ich mir immer sauber den Sourcecode mit in den Beiträgen ablege, kann ich mir den flugs rauskopieren und habe den gewünschten Code-Schnipsel gleich parat. Das ist wesentlich praktischer, als wenn ich den Source im Archiv auf meiner Festplatte suchen muss. Die ist nämlich trotz aller Bemühungen brechend voll und ziemlich unübersichtlich, schliesslich programmiere ich auf meinem Laptop schon etliche Jährchen, da sind ein paar Hundert Projekte zusammengekommen, wenn nicht mehr.

Tscha, und diese drei Blogs, die ich oft auch selbst benutze, ziehen einfach die meisten Besucher an. Bei den Rezepten im Inselfisch-Kochbuch kriege ich öfter mal eine Rückmeldung, das besonders die Grundrezepte sehr geschätzt und immer wieder gern aufgerufen werden. Und ich schätze, die Freunde meiner Aquarelle suchen auch Bilder nach Lieblingsplätzen und nach Jahreszeiten, und die an meinen Algorithmen interessierten alten Programmierfüxe schlagen auch mal gern was bei mir nach und nutzen genau wie ich die Suchfunktion und die Kategorien als Gedächtnisstütze. Daher die guten Besucherzahlen, meine Produkte (=Blogs) bieten halt einen Mehrwert, der von meinen Lesern geschätzt wird. Deswegen kommen sie auch wieder, und meine Besucherzahlen gehen langsam aber stetig immer weiter nach oben.

Wenn ich wollte, könnte ich daraus vermutlich auch Kapital schlagen, Werbung schalten zum Beispiel. Aber das ist eigentlich schon ein anderes Thema, da gehts um den Open Source und Free Web Gedanken, darüber ein andermal mehr. Aber Fakt ist, dass von meinen vielen Blogs diejenigen am erfolgreichsten sind, die ich auch selber regelmässig benutze. Da kann man doch was draus lernen, denke ich 😉

 

10. Dezember 2018
von admin
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Der Else-Zweig: es gibt immer eine Alternative

Das erste Konstrukt, das man gemeinhin in einer Programmiersprache lernt, ist meistens ein If, auf Deutsch ein Wenn. Wenn a grösser als b ist, mach etwas, das ist die Ausgangsbasis für viele Anfängerprogramme. Dabei lernt man meistens auch ziemlich schnell, dass die If-Bedingung selten ein-eindeutig ist, man muss immer noch ein paar Alternativen berücksichtigen. Was ist zum Beispiel, wenn a nicht grösser als b ist, sondern kleiner? Was macht man dann? Und was ist, wenn die beiden Werte gleich sind? Dafür gibt es die Else-Bedingung, also die Alternative, was passieren soll wenn die If-Bedingung nicht zutrifft.

Das kriegt man in verschärfter Form immer wieder um die Ohren, besonders wenn es um Benutzereingaben geht. Nehmen wir mal an, wir bitten den Benutzer um die Eingabe einer Zahl:

eingabe_screenshot

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Das sieht sehr straightforward aus, hat es aber ganz schön in sich. Als Programmierer ist man nämlich häufig damit beschäftigt, Benutzereingaben „wasserdicht“ zu machen, das heißt, man muss alle möglichen Konstellationen berücksichtigen und vorausschauend bedenken, was der Benutzer denn in unserem kleinen Eingabeformular alles machen könnte. Im besten Fall gibt er eine Zahl ein und klickt auf „Abschicken“, das ist Fall eins und leicht zu behandeln. Was aber passiert, wenn er keine Zahl, sondern einen Buchstaben oder sonstige Zeichen eingibt? Und was passiert, wenn er gar nichts eingibt und trotzdem auf Abschicken klickt? Und was passiert, wenn er nicht auf Abschicken klickt? Dann passiert nämlich gar nichts…

Sie sehen schon, das kann beliebig komplex werden. Deswegen muss ein guter Programmierer immer für den größten AU mitdenken (AU= Insiderwitz, Ahnungslosester User) und alle Eventualitäten berücksichtigen. Das übt – auch fürs richtige Leben.

Wenn ein guter Programmierer über ein Problem nachdenkt, berücksichtigt er immer auch den Else-Zweig, auch wenn der auf den ersten Blick nicht so offensichtlich erscheint. Wir sind es gewohnt, die Ausgangsbasis sehr genau anzuschauen, und alle möglichen Varianten der Vorgehensweise durchzuspielen. Ein richtig guter Programmierer wird dafür sorgen, dass der Benutzer gar keine Fehleingaben machen kann, dass beispielsweise eine aussagekräftige Fehlermeldung kommt wenn der User Buchstaben eingegeben hat, und das Programm zum Ausgangspunkt zurückkehrt ohne dass etwas passiert:

fehlermeldung

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Deswegen sind gute Programmierer auch immer gute Problem-Analytiker, sie sind es gewohnt mit allen Eventualitäten zu rechnen und ihre Programm so zu gestalten, dass jeder nur denkbare Fehler abgefangen wird.

In Computerprogrammen geht das meistens – meistens, aber nicht immer. Je komplexer die Ausgangssituation, desto schwieriger wird es, alle möglichen Ereignisse vorauszusehen und entsprechend zu behandeln. Schließlich sind wir keine Hellseher, und deswegen steht am Ende einer professionellen Programmentwicklung auch immer ein ausgiebiger Test, auf neudeutsch Usability Test. In dem dürfen und sollen die Anwender, also die Personen, die das Programm letztendlich benutzen sollen, das Programm so bedienen wie es ihnen gerade einfällt, und auch mal richtigen Käse und Unsinn eingeben und bewußt Fehlbedienungen provozieren. Ein richtig gutes Programm kann sowas ab ohne abzustürzen, und wenns während des Tests irgendwo kracht, muss der Programmierer nochmal ran und eine Fehlerbehandlung für diesen speziellen Fall einbauen. Im Normalfall braucht man sogar mehrere Testrunden, um die Programme auch bei krasser Fehlbedienung absturzfrei zu machen, erst dann entsteht Usability oder Benutzerfreundlichkeit.

Das heisst auch, dass ein guter Programmierer Nachkorrekturen nicht als lästiges Übel, sondern als notwendigen Bestandteil seiner Arbeit sieht, schließlich ist auch der beste Programmierer nicht unfehlbar, und kein auch nur etwas komplexeres Programm wird im ersten Anlauf schon fehlerfrei laufen.

Das übt fürs richtige Leben: am Anfang steht die Aufgabenstellung (das Programm, oder auch das Problem). Dann überlegt man sich alle möglichen Lösungen und sucht die aus, die einem am erfolgversprechendsten erscheint. Falls die dann doch die Aufgabe oder das Problem nicht hundertprozentig löst, kommen die Nachkorrekturarbeiten, und man probierts auf eine andere Art und Weise noch einmal. Dies nennt man einen iterativen Ansatz, und wenn man die Tests und die Nachkorrekturen richtig angeht, kommt man meist recht schnell zu einer zufriedenstellenden Lösung.

Wir sind nämlich nicht unfehlbar, aber wir sind lernfähig – und das ist im richtigen Leben auf jeden Fall eine sehr nützliche Fähigkeit, meinen sie nicht auch?

8. Dezember 2018
von admin
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Lust und Frust – oder warum gehen sie einkaufen?

Ich habe gerade einen sehr amerikanischen Artikel über die Psychologie des Verkaufens gelesen, der postuliert dass die Leute hauptsächlich aus zwei Gründen einkaufen: einmal zum Vergnügen, und zum anderen um Schmerz loszuwerden. Zum Vergnügen zum Beispiel eine 100 $ teure Flasche Wein, und um den Katerkopfschmerz loszuwerden, am nächsten Tag eine Packung Kopfschmerztabletten. Einen sündteuren roten Sportwagen zum Vergnügen, und den Kindersitz dazu um Schmerzen zu verhindern. Einen teuren Urlaub zum Vergnügen, ein Haarwuchsmittel um den Verlustschmerz bei Haarausfall zu vermeiden.

Das fand ich dann doch ein bisschen übersimplifiziert, aber so sind die Amis meiner Erfahrung nach oft. Man kann sowas auch als Frust- und Lustkäufe klassifizieren, und beides, so finde ich zumindest, ist ein bißchen ungut. Es läuft nämlich immer darauf hinaus, dass man Geld für etwas ausgibt, was man nicht wirklich braucht – aber dahin wollen uns die Marketingstrategen ja genau locken, sie wollen an das Cash in unseren Taschen, und dazu ist ihnen jedes Mittel recht. Liebeskummer bekämpft man mit einem oder besser gleich mehreren Paaren neuer Schuhe, der Frust im Job läßt sich nach Feierabend mit einem Raubzug durch die Boutiquen bekämpfen, gegen Einsamkeit hilft eine Familienpackung Eiskrem oder Schokolade, und bei Minderwertigkeitsgefühlen darf es gern ein PS-starkes völlig überteuertes Kraftfahrzeug sein. So suggerieren uns die allgewaltigen Sales- und Marketinggurus, dieses Credo kriegt man mit jedem Werbespot um die Ohren, in massiver und – für mich zumindest – schon direkt abschreckender Art und Weise. Ob Werbung im TV oder Internet, in den Printmedien oder auf der Strasse, überall wird uns eingetrichtert dass wir glücklichere Menschen sein werden, wenn wir nur *egal was * kaufen, und zwar möglichst sofort.

Ja hallo, gehts noch? Was ist aus den ganz normalen Einkäufen des täglichen Bedarfs geworden, gibt es sowas heute überhaupt noch? Früher, und ich meine wirklich früher, in der Generation meiner Oma, ging man jeden Tag zum Bäcker, zum Milchladen und zum Metzger und holte nur das, was am selben Tag auch verbraucht bzw. aufgegessen wurde. Man hatte nämlich noch keinen Kühlschrank, erst recht keinen Gefrierer, und die leicht verderblichen Lebensmittel wurden jeden Tag frisch geholt, damit sie nicht verdarben. Eine gute Hausfrau beherrschte auch die Kunst des rechten Masses, sie kochte genau so viel dass alle satt wurden, aber keine Reste übrig blieben – es gab nämlich wirklich keinen Kühlschrank, sondern bestenfalls eine leicht temperierte Speisekammer oder den kühleren Keller, und Essensreste mussten schnell weg, ehe sie vergammelten. Da schaute man lieber, dass gleich nichts übrig blieb. Unsere Omas liessen sich auch nicht von Sonderangeboten und Werbeartikeln verlocken, die kauften nur was sie wirklich brauchten, und liessen alles andere im Laden liegen.

Das änderte sich mit den Wirtschaftswunderjahren und der Generation meiner Mama, man hatte mehr Geld, man hatte eine moderne Küche mit Kühl- und Gefrierschrank, man konnte auf Vorrat einkaufen – und musste das auch tun, denn man musste auch viel arbeiten und hatte nicht mehr die Zeit, jeden Tag die Runde zum Bäcker, zum Milchladen und zum Metzger zu machen. Also wurde am Samstag mit dem Passat Kombi zum Suma oder Wertkauf gefahren, und der Kofferraum vollgeladen mit Waren, die dann die ganze Woche reichen mussten. Das war ganz sicher auch eine Art von Luxus, meine Mama hat es geliebt, dass sie gleich zehn Packerln Kaffee mitnehmen konnte, und Nudeln und Mehl und Zucker in Familien-Großpackungen. Die Vorräte wurden dann zuhause säuberlich verstaut, und man konnte die ganze Woche aus dem Vollen schöpfen. Allerdings gingen bei diesen samstäglichen Einkaufsorgien schon auch mal Sachen mit, die nicht unbedingt gebraucht wurden, das Sortiment in den Supermärkten war ja geradezu paradiesisch üppig, und unsere Mamas waren auch nicht mehr so knapp bei Kasse, dass sie da auf jeden Pfennig achten mussten.

Ja, und meine Generation? Ich habe in meinen Jahren als gutverdienende berufstätige Haus- und Ehefrau immer zuviel eingekauft, wie ein Eichhörnchen, man konnte es sich ja leisten, und wie sollte ich am Morgen schon wissen, auf was wir Abends Appetit haben würden? Also ging beim Metzger nicht nur das Schnitzel, sondern auch gleich noch die Kotletts mit, und beim Griechen drei bis fünf Sorten Salat und Gemüse, und noch ein Sortiment Antipasti dazu. Das endete leider oft damit, dass wir ziemlich viele Lebensmittel weggeschmissen haben, weil wir sie nicht rechtzeitig aufbrauchen konnten. Ich habe jahrelang an mich hingearbeitet, auch als ich schon lang wieder Single war, und mühsam wieder verlernt, immer für drei und fünf Mahlzeiten gleichzeitig einzukaufen. Das kenne ich auch von vielen meiner Freundinnen in meinem Alter, wir kämpfen alle damit, dass wir immer noch mehr heimtun, als wir tatsächlich verbrauchen.

Mit den Jahren bin ich da aber besser geworden, und heute kaufe ich wieder fast so ein, wie es meine Oma getan hat. Milch für meinen Kaffee Latte, eine frische Semmel zum Frühstück, Kaffee wenn der droht alle zu werden, auch mal ein Stück Käse oder eine Tafel Schokolade, ein Radler oder eine Viertelflasche Wein für Abends, und ansonsten wirklich nur wenn was gebraucht wird, Waschpulver und Klopapier und sowas. Das wars dann aber wirklich, sogenannte Spontankäufe hab ich mir komplett abgewöhnt, ich nehm nur mit was auf meinem Einkaufszettel steht, und wenn die Sonderangebote noch so toll locken. Da hilft es ungemein, dass ich gegen Werbung so gut wie immun bin, dank jahrelangen harten Trainings. Und es hilft auch, dass ich sehr gut kochen kann, und nie, aber wirklich nie Fertiggerichte esse.

Das ist die Überleitung zur Generation nach mir: die Kids, die alle nicht mehr kochen können. Manchmal läßt es sich nicht vermeiden, dass ich Abends noch in den Supermarkt gehen muss, und da staune ich immer mit was die jüngeren Leute ihre Einkaufswägen füllen. Fertiggerichte soweit das Auge reicht, Maggi-Fix für alles mögliche, Pizza und Pommes und anderer Tiefkühl-Schnellfrass, dazu noch Chips und Flips und Schokolade und Süßwaren zuhauf. Fertig marinierte Fleischwaren (finde ich besonders gruselig) und abgepackte Würste (sind auch meist scheusslich), und dann noch vorgefertigte Desserts und Puddingpülverchen für den süssen Schluss. Nichts dabei, was ich gern kochen geschweige denn mit Appetit essen würde.

Bin ich so ein Fossil? Ich fürchte fast, ja. Ich kaufe täglich nur das ein, was ich auch bald verbrauche, und ich nehme bestimmte Markenartikel – den Dallmayr Kaffee, die Berchtesgadner Butter, das Pfister Brot – weil sie mir besser schmecken und ich mich auf die gleichbleibende Qualität verlassen kann, nicht weil ich sie in der Werbung gesehen habe.  Ich lade mir nicht den Einkaufswagen voll, weil ich irgendeinen Frust bekämpfen muss. Shopping macht mich nicht per se glücklich, aber ich freue mich an guten Dingen und bin happy, dass ich es mir leisten kann zu kaufen was ich gerne mag. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, da können mir die Marketing-Strategen und Sales-Experten alle gern mal am Abend begegnen.

6. Dezember 2018
von admin
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Speed Reading: die gar nicht so erstrebenswerte Kunst des Schnelllesens

Ich kann Speed Reading – das heisst, ich kann verdammt schnell lesen und dabei den Sinn und Inhalt eines Textes genauso exakt erfassen wie jemand, der erheblich langsamer und genauer liest. Ich habs noch nicht gemessen, wie schnell ich bin, aber wenn in meinen Newslettern ein „10 minute read“ angekündigt ist, bin ich spätestens in einer Minute mit dem Artikel durch. Ich schätze mich selber auf einen Faktor 10 und drüber, das heißt ich lese mindestens zehnmal so schnell wie andere Leute. Der Witz beim Speed Reading ist allerdings, dass das Leseverständnis nicht darunter leiden darf, sonst kommt es zu Effekten wie :

„Ich habe Krieg und Frieden in einer halben Stunde gelesen. Es handelt von Russland.“

(Quelle unbekannt)

Woher ich das kann, keine Ahnung – hab ich mir selber beigebracht, nehme ich an. Ich hab schon als Vorschulkind lesen können, und war ab der ersten Klasse Volksschule die beste Kundin im Bücherbus. Die Bibliotheken meiner Eltern und Großeltern hatte ich durch, da war ich noch nicht einmal im Gymnasium, also so etwa mit 10, 12 Jahren. Inklusive Papas Mario Puzo und Mamas Johannes Mario Simmel, nur Opas Brockhaus hat mich etwas länger aufgehalten 😉

Speed Reading hat mir in der Schule unheimlich weitergeholfen, weil ich meine Hausaufgaben damit in kürzester Zeit erledigen konnte, und es hat mir auch im Studium viel gebracht, weil ich Literaturquellen wie ein Hochleistungsbagger wegschaufeln konnte. Es hat mir auch in meinem Beruf als ITlerin viel geholfen, weil ich in einem Höllentempo recherchieren kann und auf der Suche nach Problemlösungen im Internet Geschwindigkeitsrekorde breche – ich bin Meisterin im Speed-Googlen und finde die Lösung zu einem x-beliebigen Programmierproblem in wenigen Minuten, wenn es sie denn im Internet gibt. Und die meisten Programmierprobleme sind schon von anderen gelöst worden, glauben sie es mir – wir Informatiker sind da wenig originell und stolpern alle über die selben Fallen, wenn es darum geht eine neue Programmiersprache oder Bibliothek oder API oder so etwas zu erlernen. Ich kann auch Handbücher und Bedienungsanleitungen mit einem Affenzahn durchackern und löse so die meisten RTFM-Probleme. (Anmerkung am Rande: RTFM = Read The F*cking Manual – geflügeltes ITler-Wort)

Wie ich es schaffe, so schnell zu lesen? So wie die meisten Speed Reader (s. Wiki-Link oben), ich erfasse nicht einzelne Buchstaben und Wörter, sondern Wortgruppen und ganze Sätze und Absätze mit einem Blick. Das geht um so schneller, je mehr man übt, weil die Mustererkennung immer schneller wird, je mehr Bücher man gelesen hat, und je vertrauter man mit der Sprache ist. Ich kann Speed Reading übrigens auch in Englisch, aber das nur am Rande.

Klingt gut, nicht wahr? Hat aber auch seine Schattenseite: man kann es nicht abschalten. Das heißt, auch wenn ich zur Entspannung und zum Vergnügen lese, lese ich in einem Höllentempo, und habe die schönsten Bücher in Nullkommanix durch. Das ist sehr schade, weil ich mich mit schönen Büchern eigentlich gerne wesentlich länger aufhalten möchte – da hilft es dann nur, die Notbremse zu ziehen und mir selber laut vorzulesen, sprechen kann ich nämlich lange nicht so schnell wie stumm lesen.

Das Vorlesen ist allerdings etwas, das in meinem Freundes- und Familienkreis sehr geschätzt wird, und hier hilft mir Speed Reading sogar, ich bin eine sehr gute Vorleserin. Dadurch, dass ich einen ganzen Satz auf einen Blick erfasse, hat mein Gehirn Zeit, auch noch über die Intonation und die Lesegeschwindigkeit nachzudenken, und dazu noch auf die Reaktionen meines Publikums zu achten, ob ich zu schnell oder zu langsam lese oder ob ich zu laut oder zu leise bin. Das kann ich alles nebenher noch kontrollieren und gegebenenfalls anpassen. Hier kommt mir die oft ungeliebte Fähigkeit gut zupass, ich liebe es Geschichten vorzulesen und habe auch schon etliche Hörbilder und Diashows selbst eingelesen und vertont, die kommen bei meinem Publikum gut an.

Aber ansonsten kann ich keinem empfehlen, sich zu sehr aufs Schnelllesen einzuschiessen, es nimmt einem wie gesagt viel zu schnell das Vergnügen an Büchern, die es wert wären, sich länger damit zu beschäftigen. Da beneide ich manchmal diejenigen, die sich Wort für Wort durch Texte arbeiten, bei denen hält der Genuss viel länger vor, und ein köstliches Buch kann einen viele Tage aufs angenehmste beschäftigen. Ich lese halt dann im Notfall nochmal, oder auch ein fünftes und ein zehntes Mal. Vom Winde verweht an einem Abend? Aber locker! Und immer wieder gerne 🙂