Praxis Dr. Inselfisch

Psychologie, Philosophie und Programmierung

21. August 2019
von admin
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…und was ist aus ihren guten Neujahrsvorsätzen geworden?

Das Jahr ist schon mehr als halb rum, und ich habe bislang noch nicht berichtet, was aus meinen guten Vorsätzen zu Silvester geworden ist. Mehr Geduld wollte ich üben, und mir mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben nehmen (genau nachlesen kann man es in diesem Artikel)…

Na, mir gehts wohl wie den Meisten: es klappt manchmal, aber nicht immer. Geduld ist noch immer meine starke Seite nicht, und ich bin im Abwarten und Füße stillhalten nicht so gut wie im Losgaloppieren. Dabei bin ich durch widrige Umstände wieder mal zum Abwarten gezwungen und kann noch lange nicht so loslegen wie ich gerne möchte, ich erspare mir und Ihnen mal die Details. Es sei nur gesagt, dass ich erst zum Wintersemester starten kann, und da ist es noch ein paar Wochen hin. Grummel. Es fällt mir sehr schwer, bei der neuerlichen erzwungenen Wartezeit die gute Laune nicht zu verlieren.

Positiv zu vermerken ist: ich bin seit Januar Nichtraucherin. Nicht rückfällig geworden, auch wenn hier noch zwei ungeöffnete Schachteln Zigaretten und einige Feuerzeuge liegen. Ich könnte, wenn ich wollte, aber ich tu nicht. Drücken sie mir die Daumen, dass ich das weiter so gut durchhalte.

Was ist mit mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge? Das ist mir so teils teils gelungen. Ich pflege meine Freundschaften und Familienbeziehungen und nehme mir auch Zeit für meine wichtigsten Weggefährten, aber da wir leider so ziemlich durch Deutschland verstreut sind und die Beziehungen hauptsächlich telefonisch geführt werden, ist das gar nicht so leicht. Wenn ich wenigstens ein, zwei FreundInnen hier in München hätte, mit denen man ab und zu was unternehmen kann, wäre es einfacher. Aber neue Freunde finden sich nicht so leicht – schon gar nicht, wenn man älter und zugegeben eigenbrötlerischer wird. Mal sehen, ob sich da an der Uni was ändert, da bin ich schon sehr gespannt.

Eine wichtige Freundschaft habe ich reaktiviert. Ich war wegen einer persönlichen Sache sauer auf die betreffende Person, und habe mich ein halbes Jahr lang nicht mehr gemeldet. Dann ist es mir zu blöd geworden, ich hab angerufen und gesagt: sind wir wieder gut? Du fehlst mir! Und wir sind wieder gut, ohne unnötiges Nachtarocken und ohne unnützes Aufwärmen alter Geschichten. Ich freu mich wie Bolle dass das so gut geklappt hat!

Was war da noch an wichtigen Dingen, für die ich mir mehr Zeit nehmen wollte? Ganz allgemein es ruhiger angehen zu lassen, und das Leben insgesamt etwas relaxter zu sehen. Gelang mir bislang mittelgut. Am Besten hab ichs noch hingekriegt, wenn das Wetter so schön war, dass sich ein Ausflug zum See lohnte, da war ich heuer im Frühsommer ganz viel und hab Faulenzertage genossen. Was ich da gemacht habe? Nix. In der Sonne oder an sehr heissen Tagen auch im Schatten gelegen, gebadet, Nickerchen gemacht. Auf dem Heimweg auf ein leichtes Weizen im Biergarten vorbeigeschaut, und mir danach zuhause noch ein leckeres Abendessen zubereitet. Sonst: nix gemacht, nur entspannt. Diese Politik habe ich im Juli im Urlaub weiterverfolgt, ich hab da auch sehr erfolgreich nix gemacht ausser den ganzen Tag das Wetter beobachtet, Baden gegangen und Abends Essen zubereitet. Ich hab noch nicht einmal ein Strickzeug in die Hand genommen, so faul war ich. War prima! 🙂

Bei schlechterem Wetter, wenn ich notgedrungen zuhause bleiben musste, ist das mit dem Relaxen lange nicht so leicht gewesen. Ich kann einfach nicht auf dem Sofa sitzen und nichts tun, ich muss mich immer irgendwie beschäftigen, wenn ich daheim bin. Handarbeiten oder Computern,  Basteln oder Handwerkern oder in der Küche werkeln, irgendwas muss ich immer machen. Dabei verbrösel ich mich leider oft, immer dann wenn ich an zu vielen Projekten gleichzeitig arbeite, dann bricht hier in der Wohnung gern mal das Chaos aus, und ich muss die Notbremse ziehen und erst mal wieder klar Schiff machen. Ich wollte ja mit meinen Renovierungsarbeiten in der Wohnung weiterkommen, aber daraus ist noch nicht viel geworden, ich hab das Wohnzimmer umgebaut und entrümpelt, und das wars erstmal. Wenigstens habe ich schon einen Plan, wie es im Schlafzimmer weitergeht, ich werde eins meiner zeitraubenderen Charity-Projekte sachte entschlafen lassen, ich hab einfach nicht den Platz, die Sachen immer hier zwischenzulagern. Das habe ich mir jetzt für den Herbst vorgenommen, mal sehen wie ich es am besten löse.

Das mit dem Abwarten üben wir noch, da bin ich noch nicht wirklich gut. Na ja. Die paar Wochen bis zum Wintersemester krieg ich auch noch rum, und dann sehen wir weiter. Ich werde berichten!

19. August 2019
von admin
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Meine heimische Manufaktur: warum ich so oft in Serien arbeite

Ich bin im zweiten Beruf Künstlerin. Ich male nicht nur, ich fertige auch allerhand schöne Dinge in den verschiedensten Techniken. Textiles Handarbeiten ist mein am häufigsten ausgeübtes Kunsthandwerk, ich bin nie ohne mehrere angefangene Strick- oder Häkelarbeiten, an denen ich abwechselnd arbeite. In meiner Wohnung lagern wundervolle Wollvorräte für zukünftige Projekte, und meine fertigen Strick-Produkte finden in meiner Familie und bei meinen FreundInnen reissenden Absatz.

Handarbeiten hat in unserer Familie Tradition, ich habe es schon als ganz kleines Mädchen von Mami und Oma abgeschaut und mir die Fingerfertigkeit und das Können angeeignet, nicht nur nach Anleitung Stricken und Häkeln zu können, sondern meine eigenen Modelle zu entwerfen. Da war vor allen Dingen die Oma eine fantastische Lehrerin, sie war ja Schneiderin (Modistin! Ja, Oma, hast ja recht!) und wusste alles über Maßnehmen und Paßform von selbstgenähten Kleidungsstücken.

Der größte Schatz in Omas Atelier war ihr Fundus von selbst gefertigten Papierschnitten. Da gab es für jede ihrer Kundinnen eine ganze Sammlung von hervorragend passenden Schnittmustern, für einen Blazer und einen Mantel, für eine Bluse und eine Weste und einen Cardigan, für Hosen, Röcke, Dirndl und Abendkleider. Meine Oma kaufte auch jeden Monat die Burda, das war ihre Quelle der Inspiration, aber Nähen tat sie nicht  nach den Burdaschnitten, sondern nach denen, die sie selber angepaßt und nach den Massen ihrer Kundinnen bearbeitet hatte.

Da wurde nicht jedesmal das Rad neu erfunden, da kam zum Beispiel das Fräulein Hetty und brauchte einen marineblauen Blazer im Matrosenstil für den Urlaub in Südfrankreich. Prima, sagte die Oma, ging in ihren Fundus und holte den erprobten Blazerschnitt für Fräulein Hetty aus ihrer Sammlung. Dafür nehmen wir einen marineblauen Wollgabardine, den gibts bei Weipert, und Goldlitze sowie Messingknöpfe zum Ausputzen, die holen wir bei Beck am Rathauseck.

Das Fräulein Hetty wurde dann nur zur Sicherheit nochmal vermessen, für den Fall dass sie unbemerkt ein paar Pfund zu- oder abgenommen haben sollte, und die Maße mit dem Schnitt verglichen. Passte alles, dann legte die Oma los, und spätestens nach einer Woche war der neue Marineblazer für Fräulein Hetty fertig zur ersten Anprobe.

Die Oma arbeitete also immer zumindest in Kleinserien, statt jedesmal einen nagelneuen Schnitt an die Kundin anzupassen, nahm sie Bewährtes und gut Passendes, und variierte es mit ihrem Geschick und ihrem stilsicheren Mode-Empfinden nur in Details. Die Paßform blieb, das Revers zum Beispiel sah bei jedem Modell anders aus, Längen und Ärmelvarianten wurden angepasst, und natürlich wirkte schon jeder Stoff wieder anders, da kam garantiert keine Langeweile auf. Damit pflegte sie auch die immer langjährigen Beziehungen zu ihren Kundinnen, bei Oma Latta gab es maßgeschneiderte Couture zu familienfreundlichen Preisen, eben weil sie nicht für jedes Stück das Rad neu erfinden musste.

Dieses Prinzip, dass man ein funktionierendes Grundmodell hat, von dem man immer wieder Varianten fertigen kann, übertrug Oma auch auf ihre sonstigen Handarbeiten, und ich habe es von ihr übernommen. Ich habe einige Ordner voll mit selbstgeschriebenen Anleitungen zum Stricken, Häkeln und Nähen, und greife immer wieder auf Bewährtes zurück. Socken aus Regia in mehreren Größen, die immer beliebten Rippenschals auf der Strickmaschine, Babysnifferchen für meine Charity-Projekte, die beliebten Herbstblattl-Handstulpen, noch ’ne Weste im Muschelmuster – ich habe -zig Grundmuster, von denen ich immer wieder mit grossem Erfolg Varianten herstelle. Das hat ganz viel damit zu tun, dass ich Handarbeiten als Handwerkskunst verstehe und ausübe, und meinen Fundus an funktionierenden Anleitungen als Betriebskapital ansehe. Wie zum Beispiel auch ein Möbelschreiner  sein Grundwissen über die Fertigung  von Tischen, Stühlen und Schränken einsetzt, und nicht jedesmal wieder eine Türpassung oder eine Armlehne neu erfinden muss.

Ich nehme auch manchmal dieses Strickmuster von jener Jacke, die Länge und Weite von dieser Weste, die Knopfleiste von diesem Stück und den Halsauschnitt hiervon. Ich kupfere bei mir selber ab was das Zeug hält, und fertige daraus Neues und Passendes. Aber wesentlich öfter nehme ich mir ganz relaxed ein funktionierendes Grundmodell, arbeite es so wie ich es schon -zig mal gemacht habe, und freue mich wenn es wieder mal prima funktioniert. Puristen mögen da in Frage stellen, inwieweit es eine kreative Leistung ist, wenn man immer wieder das selbe macht, aber ich sehe das nicht so eng. Ich freu mich wenn etwas Gescheites herauskommt bei meinen Handarbeitereien, und meine Kundschaft (Familie&Freunde) freut sich über Selbstgemachtes aus meiner Werkstatt, immer wieder.

Das geht sogar noch einen Schritt weiter: ich be-handarbeite meine Kundschaft schon seit vielen, vielen Jahren, und mit der Zeit nagt dann doch deren Zahn an manchem Lieblingsstück. Da kommt dann oft der Hilferuf: ach Evi, kannst du mir nicht nochmal so eine/n (Dingsbums) stricken, der/die/das Alte geht leider kaputt! Dann bin ich froh, wenn ich in meinen Aufzeichnungen eine Dokumentation finde, wie ich besagtes Lieblingsstück damals gewerkt habe. Ein exaktes Duplikat ist zwar in den seltensten Fällen möglich, meistens gibts die Wollqualität und/oder die Farbe nicht mehr. Aber die Machart lässt sich meistens duplizieren, und ich finde in meinen Vorräten meistens ein Material, das dem Original zumindest nahekommt. Boah, wenn ichs hingekriegt habe ist die Freude gross! Und das fadenscheinig gewordene Original wird in den wohlverdienten Ruhestand versetzt.

Notiz am Rande: Lieblingsstricksachen werden in unserer Familie übrigens durch die Bank getragen und benutzt, bis sie komplett löcherig und fadenscheinig sind, und mit keiner Fingerfertigkeit der Welt mehr zu richten. Da hilft dann nur die komplette Replikation, mit Restaurierung ist da meistens nichts mehr zu machen. Na, paßt schon – ein guter Handwerker beherrscht im Notfall auch die Kunst des sachgerechten Neubaus 🙂

17. August 2019
von admin
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Schreibzeug statt Tablet: Back to the Roots

Eigentlich wollte ich mir für die Uni ein schniekes kleines Tablet zulegen, mit Bluetooth-Tastatur und Touchpad. Die Idee dabei war, immer mein elektronisches Büro dabeihaben zu können und z.B. Vorlesungsmitschriften gleich im Anschluss einzutippen, solang ich die Sachen noch frisch im Kopf habe.

Dann habe ich mich etwas eingehender mit e-learning bzw. Lernen am Computer beschäftigt, wie bereits im vorigen Artikel nachzulesen ist: E-Learning: Erkennen oder Erinnern

Ergebnis der Nachforschungen und mehrerer interessanter Diskussionen mit meinen guten Freundinnen und Freunden: ich probiers anders. Um nicht in die e-learning-Falle zu tappen, nämlich das Wissen zwar auf der Festplatte gespeichert zu haben, aber nicht im Kopf, gehe ich es anders an. Ich hab mir ein schönes Schreibset gekauft, einen Kuli und einen Druckbleistift in feiner Qualität und edler Optik. Dazu Schreibblocks und Ringbucheinlagen, Ringbücher habe ich noch (original 80er Jahre Design) und Register und Trennblätter auch, da bin ich gut ausgestattet.

Dann hab ich gleich mal geübt: ein Strickmuster handschriftlich entworfen, probegestrickt und handkorrigiert, bis es gepaßt hat. Erst dann habe ich es in den Computer reingeklopft, und damit war ich nullkommanix fertig, weil ich es schon auswendig konnte.

So, denke ich mir, klappt das mit dem Lernen wahrscheinlich besser. Ich werde meine Mitschriften handschriftlich ins Reine schreiben, und nur in den Computer tippen, wenn es unbedingt sein muss. Über den Weg Auge-Hirn-Hand-Papier bleibt halt doch deutlich mehr hängen.

Natürlich wird heutzutage verlangt, dass Hausarbeiten etc. in elektronischer Form verfasst und sauber ausgedruckt abgegeben werden. Aber das  ist was anderes, da ist die saubere Formatierung der letzte Schliff, die Arbeit muss man sich schon machen. Dafür kann man dann auch die Rechtschreibprüfung nutzen, das kann ich schon gut gebrauchen, weil ich ein bisschen Kraut und Rüben schreibe, was das Englische angeht: British und US in bunter Mischung, das geht natürlich für die Uni nicht. Da muss ich mich für eine Variante entscheiden und dann dabeibleiben.

Vielleicht stellt sich im Lauf des Semesters ja auch heraus, dass ein Tablet zum Texterfassen doch Sinn macht, dann kann ich mir immer noch eins holen. Aber ich fang jetzt mal handschriftlich an, und sehe wie weit ich komme. Back to the Roots – ich habe eigentlich schon immer gerne mit der Hand geschrieben. Und wenn ich ein bisschen übe, ist meine Handschrift auch hübsch leserlich, auch wenn sie keinen Schönheitspreis gewinnt. Das wird eine spannende Sache – ich werde berichten!

12. August 2019
von admin
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E-Learning: Erkennen oder Erinnern

Lernen ohne Computer ist heutzutage fast undenkbar. Schon in der Grundschule wird gegooglet was das Zeug hält, und da geht es schon los mit der Tücke der Methode: Lösungen werden abgespeichert und bei Bedarf wieder aufgerufen, man merkt es sich nicht im Kopf, man benutzt den Computer als externe Memory fürs eigene Gehirn. Die Smartphone- und Tabletnutzer werden immer jünger, und sie sind nur mit roher Gewalt von ihrem mobilen Internetzugang zu trennen. Ich rede hier mal noch gar nicht von Social Media, es geht schon damit los dass für jede noch so triviale Frage die Lösung zuerst im Internet gesucht wird, statt das eigene Erinnerungsvermögen einzuschalten.

Im Englischen gibt es dafür zwei sehr fein unterscheidende Begriffe, Recognition und Recall, das sind Wiedererkennung und Entsinnen. Recognition ist das, was beim Googlen am schnellsten greift. Man erkennt anhand von Satzfragmenten und Wortfetzen sehr schnell, ob der Google-Eintrag eine Lösung für mein aktuelles Problem bieten könnte, und wenn dem so ist, setze ich ein Bookmark, damit ich die Lösung auch wiederfinde, wenn ich sie brauche.

Recall funktioniert anders. Dabei nimmt man sich konzentriert einen Augenblick Zeit, geht in das eigene Erinnerungsvermögen und fördert Wissen zutage, das man sich durch Übung, Erfahrung und Wiederholung erworben hat. Dieses Wissen ist ein Schatz, und auch ganz ohne Internet nutzbar. Jeder hat da seine eigenen Schätze, ich zum Beispiel habe eine ganze Datenbank voller Kochrezepte in meinem Oberstübchen abgespeichert, eine meiner besten Freundinnen hat hunderte von Gedichten auswendig parat, und das sind nur winzige Bruchteile dessen, was das menschliche Gehirn so abspeichern kann. Sprachen und Vokabeln speichert man dort oben ab, auch Programmiersprachen, wobei hier die Grenzen fliessend sind.

Ich habe in den 1980er Jahren meine erste Programmiersprache Standard-Pascal gelernt, damals noch mit Lochkarten und schriftlicher Ausgabe an Decwriter-Terminals. Der Unterricht fand zum grössten Teil theoretisch statt, wir lernten Datentypen und Sprachelemente von der Pike auf, den Unterschied zwischen for.. next und do…while, repeat…until und do…case haben wir uns reingezogen bis wir es im Schlaf beherrschten. Denn die Rechnerzeit war knapp bemessen und teuer, wir konnten es uns nicht erlauben bei der Eingabe viele Fehler zu machen oder gar durch ausprobieren Fehler auszumerzen, das musste möglichst schon im ersten Anlauf klappen.

Von dieser soliden Basis habe ich mein ganzes Berufsleben lang profitiert, ich habe neue Programmiersprachen immer auf das alte Fundament aufbauen können, ohne jemals die Grundlagen nochmal nachschlagen zu müssen. Die habe ich parat in meinem Gehirn, das sitzt und ist bei Bedarf sofort abrufbar. Ein Array ist ein Array, ein Integer und ein Float sind in jeder Programmiersprache ähnlich definiert, man macht immer gerne Offset-by-One-Fehler, und die Sonderbehandlung der deutschen Umlauts ist fast überall ein Kapitel für sich. Ob Pascal oder C#, Visual Basic, PHP oder Javascript, der Wiedererkennungswert ist hoch, am ehesten macht einem noch die Grammatik und Interpunktion zu schaffen. Kommt am Zeilenende ein ; oder ein <br>, wie benennt man Variable ($test, test01) und Konstanten, nimmt man bei Strings doppelte “ oder einfache ‚ Hochkommata, das sind so die kleinen Stolpersteine, wenn man zwischen unterschiedlichen Programmiersprachen wechselt. Ansonsten: ich bekenne mich schuldig, neue Programmiersprachen lerne ich per Google und Copy&Paste, und mir reicht es wenn ich weiß wo ich eine Lösung gespeichert habe, ich muss nicht alles auswendig können.

Ich habe allerdings in fast 30 Jahren Berufsleben nur einmal (in der IHK-Prüfung zum Fachinformatiker) eine Klausur schreiben müssen, in der man keinen Computer benutzen durfte, und die hab ich auch nur mit Ach und Krach geschafft. Den praktischen Teil der Prüfung, ein Programmierprojekt, hab ich dafür mit 100 von 100 Punkten abgeschlossen, das hats dann wieder ausgeglichen. Aber die theoretisch/schriftliche Prüfung war ein Desaster, ich hatte ja den Stoff nicht im Kopf, sondern nur auf meinem Notebook abgespeichert. Das blüht jedem, der ausschliesslich am Computer lernt: kein Computerzugriff, keine Erinnerung, Prüfung versemmelt.

Das ist jetzt im richtigen Leben, speziell im Berufsleben, nicht wirklich ein Beinbruch. Im Normalfall hat man ja am Arbeitsplatz immer Computer- und Internet-Zugriff, und es wird auch nicht erwartet dass man auf den Schlag Problemlösungen wie Karnickel aus dem Zauberhut zieht. Im Regelfall wird man erstmal recherchieren, dabei aus mehreren Lösungen die praktikabelste aussuchen und auf die aktuellen Probleme anpassen. Anders gehts auch gar nicht mehr, niemand hat mehr die Zeit neue Programmiersprachen, Konzepte und Standards von der Pike auf zu lernen. Man springt eigentlich immer ins kalte Wasser, mit Tante Google als Rettungsleine. Ohne die unzähligen Supportforen und Online-Tutorien, ohne Codesammlungen und Programmbibliotheken kann in der IT heutzutage niemand mehr arbeiten. Niemand kann das alles im Kopf haben, dazu gibt es zu schnell zu viel Neues auf allen Gebieten.

Das erfordert aber noch eine ganz andere Fähigkeit: man muss in der Lage sein, Lösungen auch wiederzufinden. Und das geht nur mit Disziplin und Selbstorganisation – es hilft sehr, wenn man sich mal eine sinnvolle Struktur von Desktop und Festplatte (auch externe bzw. Serververzeichnisse) überlegt hat, und sich dann auch daran hält. Und alle paar Jahre mal sollte man Großreinemachen… ich habe sehr selten Programmbibliotheken noch einmal gebraucht, wenn sie einmal älter als 10 Jahre waren. Ein guter Zeitpunkt dafür ist es, wenn man sich einen neuen PC zulegt, dann kann man bei der Datenübernahme gleich mal Großputz machen. Ich lagere selten benutzte Software dann gern auf eine externe Festplatte aus, damit ich im Notfall doch wieder dran kann, habe das allerdings noch kaum gebraucht. In der extrem schnelllebigen Branche, die ich mir ausgesucht habe, darf man auch getrost vieles einfach wieder vergessen, weil man es garantiert nie wieder braucht.

Bei der stetig steigenden Informationsflut, die tagtäglich auf jeden von uns niederprasselt, muss man sogar gezielt das schnelle Vergessen üben, damit man sich das Gehirn nicht mit nutzlosem Schrott verstopft.

Eine beliebte Methode ist es, sich alles irgendwie (als Link, Bookmark, Screenshot…) abzuspeichern, wenn man glaubt es irgendwann wieder gebrauchen zu können. Das verstopft Festplatten und USB-Sticks, das geht Mega- und Gigabyteweise in die Cloud und treibt da im Zweifelsfall die Kosten hoch, und kein Mensch findet jemals etwas wieder. Vergesst es einfach – mindestens 99% von dem ganzen Schotter interessiert in ein paar Tagen (oder Wochen, Monaten, Jahren) kein Schwein mehr. Da ist es oft schlauer, neu zu googlen, als in der endlosen Speicherplatzwüste etwas wiederfinden zu wollen. Mut zum Vergessen – und es ist sogar wahrscheinlich, dass es inzwischen eine schlauere Lösung für ein bestimmtes Problem gibt. Zum Beispiel eine neue Programmiersprache, einen neuen Standard, eine neue Methodik. Und dann frisch auf, wir lernen etwas ganz Neues – das macht Spaß und ist Gehirnjogging vom Feinsten. Ich nehme mir die Freiheit, weiter mit einer Kombination aus Recall (Grundlagenwissen) und Recognition (ergooglete Lösungen und Codesnippets) zu arbeiten. Zumindest am Arbeitsplatz. Wenn ich wieder mal in die Verlegenheit kommen sollte, eine Klausur ohne Computer schreiben zu müssen, werde ich anders lernen müssen, dann muss der Stoff ins Gehirn, nicht auf die Festplatte. Wenn man sich das klar macht, kann man andere Lernstrategien einsetzen, und dann klappts auch mit der Prüfung. Mal sehen – zum Abenteuer Lernen wird es hier sicher noch ein paar Artikel geben, da hab ich noch viel vor. Bis dann viel Spaß beim Abspeichern und Wiederfinden! 🙂

1. Januar 2019
von admin
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Good things come to those who wait: meine kleine Neujahrsansprache

Ich machs auch nicht anders als die meisten: zum Start eines neuen Jahres fasse ich gute Vorsätze, einfach weil es eine gute Zeit ist, Resümee zu ziehen und dies zu tun. Mein Hauptvorsatz für 2019: ich will mehr Geduld üben. Muss ich auch ganz pragmatisch, weil meine Pläne fürs neue Jahr jetzt erst mal eine Wartezeit erfordern, ich muss noch circa drei Monate lang die Füsse still halten, ehe es mit einem neuen, grossen Projekt weitergeht.

Geduld ist meine starke Seite nicht, noch nie gewesen. Ich bin ja selber von der schnellen Truppe und erledige viele Dinge wenn es geht sofort, ratzfatz und schnackbummbäng 🙂 Das muss man in meinem Beruf auch können, das Arbeitstempo in der IT ist halsbrecherisch, da hat man nie Zeit sich erstmal in aller Ruhe zu überlegen, wie man etwas angeht, da muss man ohne Gezeter ran an die Buletten und Lösungen liefern, möglichst schon Vorgestern. Damit wird es einem zwar nie langweilig, aber so richtig gesund ist dieses Höllentempo auf die Dauer auch nicht, das artet normalerweise in Stress aus und in viele Überstunden und Wochenendschichten. Das hält auch der hartgesottenste alte ITler nicht jahrelang aus, das geht oft geradenwegs in den Burnout. Da ich allerdings jetzt in der glücklichen Lage bin, mir meine Projekte selber steuern zu können, ist der Einzige der mir Druck macht ich selber, und genau da will ich die Bremse anziehen.

Ich hab da heute einen netten Artikel von Henry Latham über die Geduld, und wie wir sie in unserer Zeit verlernt haben gelesen, hier ist der Link:

https://medium.com/the-polymath-project/societys-problem-with-patience-a6b54a51b365

Er bringt unter anderem ein schönes Zitat von Leo Tolstoj:

“Die beiden mächtigsten Krieger sind Geduld und Zeit.”

Das haben wir in unserem schnellebigen Zeitalter fast alle vergessen. In Zeiten von Instant Information & Instant Gratification muss alles sofort passieren: wir wollen sofort Informationen ergooglen, wollen sofort am Smartphone errreichbar sein, und sofort ein Star oder ein erfolgreicher Startup werden ist auch so eine Seifenblase, der Millionen hinterherhechten, weil es von den Medien so gepusht wird. Sendungen wie „The Voice of Germany“ gaukeln einem vor, dass man über Nacht zum Star werden kann, und lassen die Jahre der Vorbereitung und der harten Arbeit bewusst aussen vor. Ein Fingerschnippen muss genügen und dann muss sofort passieren was wir uns wünschen, so sieht das heutzutage in den Medien aus.

Es gibt ein nettes altes amerikanisches Sprichwort, das lautet: „Good things come to those who wait“, wörtlich: „Gute Dinge kommen zu denen, die warten können.“ Das möchte ich mir mehr zu Herzen nehmen. Nathan Sykes hat ein hübsches Lied mit einem sehr einfühlsamen Text daraus gemacht, hier ist ein schnuckeliges Video davon:

Es fängt an mit dem Text (sinngemäss): „Es ist kein Notfall, keine Sirenen vor mir, nichts hält mich davon ab, meinen Weg zu gehen…“

Die Lyrics handeln davon, dass man an seinem Platz bleiben und in aller Ruhe abwarten kann, dass man sich nicht abhetzen muss, weil es sowieso nichts bringt, dass man kurz gesagt mit Geduld eher weiterkommt als mit hektischem Aktionismus. Das Lied ist ein schöner Ohrwurm, und die Message versuche ich mir zu Herzen zu nehmen.

Da ich aber im Nichtstun und nur Abwarten ganz,  ganz schlecht bin, werde ich noch viel üben müssen. Ich hab ja Tausend Kleinprojekte im Bereich Kunst, Hobby und Handwerk, ich werde denen mehr Raum geben, solange ich noch abwarten muss mit der grossen neuen IT-Herausforderung. Ich hab ja sogar ein recht ehrgeiziges neues privates Programmierprojekt, mit dem ich mich sicher viele Stunden und Tage beschäftigen könnte, aber die ganze Zeit nur am Computer zu sitzen ist auch nicht gesund. Das limitiere ich mir auf wenige Stunden pro Tag, und ansonsten werde ich mich in der nächsten Zeit jetzt eher den schönen Künsten widmen – und meiner Wohnung, die ist nämlich noch nicht fertig renoviert. Und ansonsten werde ich Geduld haben, die paar Monate gehen auch vorbei. Es tut meinen Freundschaften und Bekanntschaften sicher auch gut, wenn ich mal nicht wie eine Wilde vorneweg galoppiere, sondern mal einen Zacken langsamer fahre und auch mal drauf schaue, ob die anderen auch mitkommen. Das übersieht man nämlich sehr gerne, wenn man das Leben auf der Überholspur fährt: es wird ganz schnell einsam da vorne.

Dann lieber abwarten und Tee trinken…. und auch mal gute Freunde dazu einladen. Denn, so steht es sehr wahr auf meiner schönsten Weihnachtspostkarte: es sind die Begegnungen mit Menschen, die unser Leben lebenswert machen. Und das passt perfekt zu meinem guten Vorsatz fürs neue Jahr. Mehr Geduld üben, mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nehmen. Ich probiers mal – und ich werde berichten, wie es mir gelingt.

Ich wünsche allen ein wunderbares neues Jahr, und mögen eure guten Vorsätze so wahr werden, wie ihr es euch wünscht!

prostneujahr

prostneujahr

23. Dezember 2018
von admin
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20.000 mal am Tag – wie schnell schalten sie?

Wenn man den gängigen Untersuchungen und Studien glauben soll, trifft ein Mensch in unserer heutigen Zeit ungefähr 20.000 Entscheidungen am Tag, manche sagen auch 30.000 und mehr. Das ist ein Haufen Holz – zigtausend Mal ja oder nein, oder dies oder das, oder gar auch noch mehrere Möglichkeiten zur Auswahl. Logisch, dass da die meisten Entscheidungen blitzartig und ohne grosses Nachdenken gefällt werden, dafür haben wir unseren Instinkt, unsere erworbenen Erfahrungen und unser Bauchgefühl. Wenn man sich nämlich lange mit gedanklichen Abwägungen aufhält, kommt man gar nicht durch den Tag, das muss alles in einer affenartigen Geschwindigkeit passieren. Vieles davon ist auch trivial und anscheinend ohne grosse Konsequenzen. Anscheinend.

Hau ich morgens meinem Wecker nochmal auf die Snooze-Taste? OK, aber dann fehlen mir nachher die fünf Minuten beim Frühstück, und es reicht nicht mehr für die zweite Tasse Kaffee, weil ich aus dem Haus muss. Das hat zur Folge, dass mein Gehirn noch nicht ganz wach ist beim Autofahren, und ich die Entscheidung, ob ich bei der Ampel bei Gelb noch anhalte oder ob ich weiterfahre nicht rechtzeitig fälle – und prompt Rot und den freundlichen Blitzer erwische. Was wiederum zur Folge hat, dass ich schon verärgert und angefressen im Büro erscheine und den Kollegen, der jetzt in der Früh schon etwas von mir will erstmal anblaffe, statt ihm zuzuhören – dabei hätte der eine wichtige Lösung für ein Problem, an dem wir schon tagelang herumkauen. Deswegen musss ich dem Chef, der wenig später nach dem Stand der Dinge fragt, leider mitteilen dass wir noch keinen Schritt weiter sind, und der entscheidet prompt, das dem Kunden auch so mitzuteilen und schlechte Publicity für unser Team zu produzieren. Ganz davon abgesehen dass der Abgabetermin für das Projekt nochmal verschoben werden muss, und die Buchhaltung entscheiden muss dass vorläufig noch keine Rechnung gestellt werden kann…. und das alles bloss, weil ich auf die Snooze-Taste gehauen habe!

Ich hab das jetzt nicht wirklich übertrieben, so laufen Entscheidungsketten nunmal ab – sobald menschliche Gehirne involviert sind, kann man keine strikt logische Kausalkette mehr berechnen wie es zum Beispiel beim Ablauf eines Computerprogramms der Fall ist. Menschen entscheiden oft aus nicht rationalen Gründen, das müssen sie tun, weil sie so unter Zeitdruck stehen. Ganz besonders schlimm ausgeprägt ist das in meiner Branche, der Informatik. IT-Projekte stehen notorisch unter Volldampf und hätten immer gestern schon fertig sein müssen,weil irgend jemand bei der Einschätzung des voraussichtlichen Zeitbedarfs und Arbeitsaufwandes komplett falsch entschieden hat. Das kommt daher, weil man sich in den meisten Fällen mit neuen und unerprobten Technologien herumschlagen muss und nicht auf Bewährtes und jahrelang Geübtes zurückgreifen kann, deswegen gehen so viele Projektentscheidungen in der IT auch komplett in die Hosen.

Hätte ich meinen Jugend-Berufswusch verwirklicht und Möbelschreiner gelernt, würde ich ganz anders arbeiten können. Das Schreinerhandwerk ist ein traditionsreicher, altehrwürdiger Beruf, und ein Tisch oder Stuhl aus Holz wird heute nicht viel anders gefertigt als vor vielen hundert Jahren schon. Es gibt erprobte Bemassungen und Arbeitsweisen – wie hoch soll die Sitzfläche oder die Tischhöhe sein, welche Verzapfung verwendet man für eine gefugte Rückenlehne, wie montiert man die Tischbeine an der Zarge so dass sie nicht wackeln und stabil bleiben. Man kann auf einen Jahrhunderte alten Erfahrungsschatz zurückgreifen, das wird jedem Lehrling beigebracht und jeder junge Meister verfeinert und vervollkommnet das altüberlieferte Wissen, ehe er es mit seinen eigenen Ideen anreichert und sein Meisterstück anfertigt. Die Werkzeuge – Säge, Bohrer, Hobel, Schleifgerät – sind auch seit Jahrhunderten die selben, nur wird heute vieles elektrisch angetrieben, was man früher mit Dampf, mit Wasserkraft oder mit reinem Irxenschmalz (bayr. für Muskelkraft) machte. In traditionell geführten Werkstätten arbeitende Möbelschreiner leiden höchst selten unter Stress, und Burnout ist ein nahezu unbekanntes Phänomen in der Branche. Bei den ITlern erwischts nahezu jeden früher oder später, deswegen gibt es so wenige ältere Arbeitnehmer in der Branche, die habens alle schlicht aufgegeben und haben die Branche gewechselt, oder sind aus gesundheitlichen Gründen in Frührente geschickt worden

Nach einer Studie der Pronova BKK leiden 87% der deutschen Arbeitnehmer unter Stress, jeder zweite (!) fühlt sich vom Burnout bedroht. Als Hauptursache für den Dauerstress wird der ständige Termindruck genannt – und da sind wir wieder bei unseren Entscheidungen gelandet. Zeitdruck verlangt noch schnellere Reaktionsfähigkeit, noch schnelleres Umschalten, noch schnellere Trefferquote bei allem was wir tun… und das geht bei Dauerstress nie gut, wer gestresst ist neigt zu Panikreaktionen und Fehlentscheidungen. Wer ständig nur noch defensiv Probleme niederknüppeln muss, kann nicht produktiv arbeiten, und das haut auch dem Stärksten schnell auf die Gesundheit, dann macht der Beruf uns krank.

Was hilft dagegen?

Ganz offensichtlich nur eins: Stress reduzieren. Mehr Zeit zum Nachdenken haben. Projekte in Ruhe planen und wohlüberlegt durchziehen.  Reaktionen und Antworten besser abwägen, wichtige Entscheidungen gut überdenken. Wenn das immer so einfach wäre… oft geht es nur mit einem Jobwechsel, und ob es dann in der neuen Firma wirklich besser ist, darauf kann man sich auch nicht verlassen. Arbeitszeit reduzieren ist auch ein gutes Mittel gegen Dauerstress, wer sich nur noch halbtags mit dem täglichen Wahnsinn auseinandersetzen muss, hat mehr Zeit zum erholen dazwischen und ist dem Dauerstress meistens besser gewachsen. Leider ist das noch nicht wirklich zu unseren Arbeitgebern durchgedrungen, meistens sind 40+ Wochenstunden die Regel. Teilzeitstellen werden höchstens noch im öffentlichen Dienst angeboten, die sind da etwas fortschrittlicher, das kommt daher dass sie bei gleicher Eignung auch Arbeitnehmer mit Handicap einstellen müssen, die sind halt nicht Fulltime belastbar.

Am Ende muss jeder selber entscheiden, was er gegen die tägliche Entscheidungsflut unternimmt, und ob er das seiner Gesundheit noch zumuten kann und will. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit dürfte dabei der stärkste Entscheidungsfaktor sein, deswegen arbeiten ja auch so viele Menschen bis zum Umfallen, bis sie krank werden und einfach nicht mehr können. Da ist was faul in unserem Staat, aber das ist eigentlich schon ein ganz anderes Thema, das lasse ich jetzt mal so stehen.

Und wünsche ihnen eine stressfreie Zeit, wenigstens über die Feiertage – machen sie mal langsam. Die wichtigste Entscheidung ist jetzt, ob ich erst ein Vanillekipferl oder erst einen Lebkuchen esse, und ob ich mir einen Milchkaffee oder einen schönen Earl Grey dazu koche. Und dann entscheide ich noch, ob heuer Lametta an den Christbaum kommt oder nicht, und ob ich rote oder gelbe Kerzen aufstecke. Das sind jetzt wirklich wichtige Dinge, die wohl abgewogen werden möchten – meinen sie nicht auch?

frohe_weihnachten

Frohe Weihnachten

 

23. Dezember 2018
von admin
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Der Mond ist mein Freund – mein Rezept bei Schlafstörungen

Kennen sie das auch: mitten in der Nacht ist man plötzlich hellwach, an Weiterschlafen ist nicht zu denken – und es ist erst halb vier Uhr Morgens, noch Stunden, bis der Wecker klingelt. Der Kopf brummt als ob man am Abend vorher gezochen hätte, die Zunge ist pelzig und man hat einen scheusslichen Geschmack im Mund. Insgesamt eine gräusliche Verfassung, man fühlt sich elend.

Was tun?

Zuallererst mal: keine Panik. Ein gesunder Erwachsener kommt mit ca. 6-7 Stunden Schlaf aus, aber 4-5 können auch mal reichen. Bei Vollmond zum Beispiel, oder auch wenn das Wetter umschlägt, oder wenn man aus irgendeinem Grund Streß und viele Gedanken im Kopf hat, dann kann die Nacht schon mal extrem kurz sein. Aber, wie gesagt, kein Grund zur Panik.

Erste Massnahme: aufstehen, aus dem Fenster schauen, ob man den Mond sieht, (sehr wahrscheinlich ja) und mal nach den Sternen gucken – man sieht sie jetzt besonders schön. Licht anmachen, kräftig durchatmen und mal gut strecken.

Zweite (nahezu lebensrettende) Massnahme: man kocht sich einen schönen Milchkaffee, ich bevorzuge Espresso mit heisser Milch, aber ein guter Bohnenkaffee tuts auch. Mit Milch, weil das magenfreundlicher ist, und mit ein bisschen Zucker, weil das den Blutzuckerspiegel in die Gänge bringt. Bis der Kaffee durchgelaufen ist, putzt man sich die Zähne mit einer erfrischenden Pfefferminz-Zahnpasta, davon geht der schlechte Geschmack im Mund weg. Dann geniesst man seine erste Tasse Kaffee. Das Koffein geht sofort ins Blut, es erweitert die Blutgefäße im Kopf, der Druck und das Brummen gehen nach wenigen Minuten weg, auch ohne Aspirin. Milch und Zucker machen ein angenehmes Gefühl im Magen, und auch die Wärme des Kaffees tut wohl. Schlürfen sie ihren ersten Morgenkaffee mit bewusstem Genuss, das tut jetzt gut und bringt ihr Verdauungssystem und ihren Kreislauf auf Vordermann.

Dritte Massnahme: essen sie eine Kleinigkeit, bevorzugt etwas mit Fruchtzucker drin. Das kann ein Müsli mit Obst sein, ein Fruchtjoghurt, oder auch ein Marmeladebrot – ich nehme gern ein Scheibchen frischen Toast mit leckerer Orangenmarmelade oder selbstgekochtem Zwetschgenmus, das ist eine Delikatesse am frühen Morgen. Es kann durchaus sein, dass sie auf die süsse Kleinigkeit noch mehr Appetit kriegen, weil ihr System auf den Zucker positiv reagiert. Ja prima! Dann machen sie doch gleich mal richtig Frühstück, ruhig mit einem Frühstücksei, Brot und Wurst und Käse, oder noch mehr Marmelade oder auch Honig, was ihnen schmeckt und so wie sie es gern mögen. Trinken sie dazu ein Glas Saft, oder auch eine Multivitamin- oder Magnesiumbrause, die Flüssigkeit tut dem System gut und macht einen klaren Kopf.

Bis sie fertig gefrühstückt haben, dürfte es jetzt schon eine Stunde oder mehr nach dem Aufstehen sein, und das ist eine wunderbare Zeit! Wer morgens um 5 schon hellwach ist (und nach dem guten Frühstück sind sie das) hat im Normalfall noch ungefähr zwei Stunden Zeit bis der Wecker klingelt, und die nutzen wir jetzt für uns selber, das ist geschenkte Zeit! Machen sie etwas Schönes, etwas für sich selber, etwas das ihnen Freude macht. Malen sie ein Bild, schreiben sie ein Gedicht (oder einen Blog-Beitrag 🙂 …), stricken sie oder basteln sie etwas, je nachdem was sie gerne tun und für was sie sonst wenig Zeit finden. Wenn ihnen gar nichts anderes einfällt, können sie auch ihre E-Mails von gestern beantworten, oder etwas für die Arbeit tun – ich kann so früh am Morgen besonders gut programmieren und habe schon so manches kniffelige Problem am Computer früh um halb fünf gelöst.

Was sie auch tun: tun sie es in aller Ruhe, die frühen Morgenstunden sind geschenkte Zeit, die gehören ihnen selber, niemand steht hinter ihnen und treibt sie an, und niemand mault rum, dass sie um diese gottlose Tageszeit doch ins Bett gehören – also tun sie es selbst auch nicht. Es ist ausdrücklich erlaubt, sich die Nacht zum Freund zu machen, wenn man nicht mehr schlafen kann.  Und wenn der Vollmond durch meinen Wintergarten hereinscheint, grüße ich ihn fröhlich und sage: wir beide, alter Freund, wir sind jetzt wach wenn alle anderen schlafen. Lass uns die Zeit nutzen!

vollmond

vollmond

Wenn dann die erste Morgendämmerung heraufscheint, habe ich schon ein paar Stunden Vorlauf, bin glockenwach und kann den Morgen mit frischer Kraft begrüssen. Manchmal lege ich mich auch nochmal für ein Stündchen hin, bis der Wecker klingelt, aber das kommt eher selten vor, meistens starte ich in der Früh schon durch und beginne den Tag mit Schwung und gutem Mut. Das geht nur, weil ich keine Angst habe, dass mir der wenige Schlaf den Tag kaputtmacht. Das lasse ich nämlich nicht zu, siehe allererste Massnahme: nur keine Panik! Schlafstörungen regeln sich im Normalfall von selber, wenn man sich nicht verrückt macht. Und wenn sie letzte Nacht wirklich nur 4-5 Stunden geschlafen haben, ja und? Dann werden sie eben ein Mittagsschläfchen machen, wenn es geht, oder sich nach Feierabend zur Siesta aufs Sofa zurückziehen. Und sie werden in der folgenden Nacht sehr wahrscheinlich mehr und länger schlafen, unser System regelt sowas normalerweise automatisch.

Ein ernstes Wort zum Schluss: lassen sie sich nicht dazu verleiten, mitten in der Nacht Schlaftabletten zu nehmen, die wirken dann zur falschen Zeit und machen sie genau dann am kaputtesten, wenn der Wecker klingelt, dann wird der Tag die Hölle. Schlaftabletten sollten ohne ärztlichen Rat überhaupt nicht genommen werden, und auch dann nur im Ausnahmefall, denn sie machen sehr schnell abhängig und zerstören den natürlichen Schlaf/Wachrythmus. Ich weiss leider aus Erfahrung, dass manche Ärzte (besonders in Krankenhäusern und Kliniken) sehr schnell mit dem Verschreiben von Schlaftabletten zur Hand sind, aber das ist eine gefährliche Angelegenheit. Man will eben nicht, dass die Patienten nachts um vier durch die Klinik geistern, und stellt sie lieber ruhig.

Ich habe da meine eigenen Erfahrungen gemacht: hab die Tabletten in der Klinik nicht geschluckt, bin um vier in der Früh in den Aufenthaltsraum gegangen und hab mir einen Instant-Kaffee gekocht und ein paar Kekse geknabbert, und mich mit dem netten Nachtpfleger unterhalten, der sich freute dass er um diese Uhrzeit schon Gesellschaft hatte. Das hab ich ungefähr eine Woche lang durchgezogen, und dann habe ich wieder ganz normal geschlafen, auch ohne Schlaftabletten. Sowas funktioniert, auch für sie. Sie müssen keine Angst haben, denn die Nacht kann auch ein Freund sein.

22. Dezember 2018
von admin
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Sind sie horizontal oder vertikal reich?

Ich habe kürzlich einen sehr amüsanten und informativen Artikel von Charles Chu über vertikalen und horizontalen Reichtum gelesen:

https://medium.com/the-polymath-project/the-price-of-happiness-horizontal-vs-vertical-wealth-6057e9b35d66

Er leiht sich die Definition von den Unternehmensberatern und Wirtschaftswissenschaftlern, die diese Nomenklatur für die Klassifikation kommerzieller Firmen verwenden. Vertikaler Reichtum bedeutet, dass man sich an anderen reichen Leuten misst und das tut, was die auch tun: eine teure Villa einrichten, eine Yacht kaufen, in Gstaadt zum Skifahren gehen, dicke Autos fahren und in teuren Resorthotels Urlaub machen zum Beispiel.

Horizontaler Reichtum ist es, wenn man sich seine persönlichen Vorlieben nicht vom vielen Geld diktieren läßt. Sie lieben Bücher und haben einen Haufen Geld? Kaufen sie mehr Bücher und lesen sie sie mit Genuss! In dem Zuge könnte man auch die alten Ikea-Bücherregale gegen eine schöne Massivholzbibliothek austauschen.

Ich tendiere definitiv zum horizontalen Reichtum. Seit ich aus meiner zugegeben schönen, aber viel zu grossen und überteuerten Altbauwohnung in Haidhausen in mein sonniges kleines Domizil im hohen Norden von München umgezogen bin, bleibt wesentlich mehr Geld in der Haushaltskasse, weil ich nur noch ein Viertel Miete monatlich bezahle. Was mache ich mit dem ersparten Geld? Ich lasse es mir gut gehen, und bleibe dabei auf dem Teppich. Ich würde es mir dreimal überlegen, wieder in eine grössere Wohnung umzuziehen, weil die a) in München eh nicht erschwinglich sind und ich in der Stadt bleiben möchte und b) weil ich in der kleineren Bude wesentlich weniger Putzarbeit habe, und ich putze nun mal nicht so gern. Mit meiner preiswerten Miete kann ich es mir sogar leisten, fürs Fensterputzen eine Putzfrau zu bezahlen, da fällt schon mal das ungeliebteste Stück Hausputz weg, den Luxus gönne ich mir. Ausserdem ist das Schönste an meinem kleinen Domizil die grosse Fensterfront mit dem Wintergarten, und wenn da die Fenster immer sauber sind, habe ich die höchste Freude an meiner sonnigen Bude und den herrlichen Sonnenuntergängen, die ich vom Wohnzimmer aus fast das ganze Jahr lang beobachten kann. Also, ich bin mehr als zufrieden mit meiner Wohnsituation, ich mag sogar die Gegend, obwohl es eigentlich ein „Glasscherbenviertel“ ist, aber ich bin hier um die Ecke aufgewachsen und kenne die schönen Platzerl im Münchner Norden.

Was gönne ich mir noch? Ein Auto, weil ich nicht immer alle schweren Einkäufe zu Fuß heimschleppen will, und weil ich gelegentlich auch mal zum Ikea oder zum Baumarkt oder zum Starberger See fahren möchte. Es ist ein recht betagter gebrauchter Kombi, aber für mich tuts der vollkommen, ich bin nicht scharf auf PS oder chromblitzende Karosserien, für mich ist ein Auto ein Gebrauchsgegenstand. Vielleicht tausche  ich ihn mal gegen ein kleines Stadtflitzerchen um, der Kombi ist zwar praktisch, aber mir eigentlich zu gross, so ein kleiner Fiat 500 oder ein Nissan Micra würde mir auch gefallen, und ich fände viel leichter Parklücken, in die ich auch hineinkomme – einparken ist nicht meine Stärke. Ich gönne mir auch ein Motorrad, obwohl ich selber nicht mehr viel fahre, aber mein bester Freund ist ein begnadeter Motorradpilot, und ich fahre sehr gern bei ihm als Sozia mit. Mein Motorrad ist ein Oldtimer, ich hab sie schon seit fast 20 Jahren, eine alte BMW Boxer in feuerwehrrot – so eine wollte ich immer schon haben, und ich geb sie nie wieder her. Ich brauche auch kein neues Motorrad, ich habe meine Traum-Maschine schon 🙂

Schicke Designerklamotten? Aber ja doch! Ich designe seit vielen Jahren meine eigenen Strickmoden, und da sind tolle Stücke dabei, das können sie mir glauben, da krieg ich immer viele Komplimente dafür. Aber Streifzüge durch die Boutiquen mache ich nicht, da hole ich mir doch bloss einen Frust. Ich habe nämlich eine Figur, die definitiv nicht von der Stange ist. Wenn mir Hosen in der Hüfte passen, sind sie mir wegen meiner langen Haxen immer am Knöchel zu kurz, und wenn ein Blazer oder eine Bluse genug Raum für mein breites Kreuz mitbringen soll, muss ich zu Kleidergrösse Elefant greifen, und da gibts eigentlich nur Designs Marke Kartoffelsack. Also nähe ich mir meine Basics selber, da sind wenigstens die Hosen lang genug, und in den Oberteilen krieg ich meine heroischen Schultern samt der Oberweite gut unter. Also, teure Klamotten: auch Fehlanzeige.

Wo lasse ich es dann richtig krachen? Beim Essen und Trinken! Nur vom Feinsten, das Bio-Fleisch vom Dorfmetzger (bringt mir mein Freund vom Land mit), das Lamm vom Türken, das Geflügel von Stephani am Viktualienmarkt, da bin ich alle 14 Tage und nehme mir was Feines mit. Nur den besten Lavazza Espresso für meinen Frühstücks-Cafe-Latte, und abends darf es dann ein Unertl Leichtes Weizen vom Allerfeinsten sein. Besten Wein trinke ich bei meinem Freund, der kauft ihn zuhause in Württemberg direkt beim Winzer, und allerfeinste Obstschnäpse bringen wir uns aus dem Urlaub vom Walchensee mit – da reicht ein Flascherl allerdings dann allerdings schon mal ein halbes Jahr, weil wir sehr sparsam damit umgehen. Seit ich mir abgewöhnt habe, immer gleich Essen für eine halbe Kompanie einzukaufen (wir waren eine grosse Familie zuhause) komme ich mit erstaunlich wenig Lebensmitteln aus, ich esse ja meistens allein, und so darf es dann auch mal ein wenig mehr kosten.

Was ich mir sonst noch an Luxus gönne: bestes und schönstes Material für meine Hobbies. Aquarellfarben nur in allerfeinster Künstlerqualität (hab ich einen Kasten voll, halten Jahrzehnte bei gekonntem Umgang), Wolle aus überwiegend Naturfasern (bestelle ich mir Online bei einer Firma, die sehr feine Qualitäten selber produziert), feuerpolierte böhmische Glasschliffperlen zum Schmuckbasteln (bestelle ich direkt in Tschechien), erlesene Veredelungsmaterialien für meine selbstgebauten Massivholzmöbel (Schellack, Wachspolitur, Leinölfirnis… gibts in jedem Baumarkt, muss man nur verarbeiten können)… die Liste liesse sich noch fortsetzen, ich hab ja so viele Hobbies. Aber ich hab schon vor vielen Jahren gelernt, bei Selbstgemachtem nicht am falschen Ende zu sparen, und nur gutes Material einzukaufen, den Luxus leiste ich mir.

Das wars jetzt eigentlich schon so ziemlich. Gelegentlich mal ein Buch oder eine Zeitschrift (ich lese heutzutage mehr online), ab und zu ein paar Blumen, im Sommer eine Radlerhalbe im Biergarten und ein Eis beim Gelataio, im Winter ein Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt und ein paar Bratwürste in der Semmel oder ein Döner. Das sind die Luxusgenüsse, auf die ich nicht verzichten möchte, und die ich mir leisten kann ohne im Lotto gewonnen zu haben.

Wenn ich jetzt noch viel mehr Geld hätte – würde sich dann viel ändern? Ich würde mehr reisen, glaube ich, aber da ich nicht gern fliege fallen Luxus-Fernziele von Haus aus aus. Dann eher noch mal zum Gardasee oder ans Meer, egal ob Adria oder Nordsee, das würde ich mir sicher leisten. Aus meinem alten Kombi würde ein neues Smartle werden, und statt dem alten Dreigangfahrrad würde ich mir einen schicken Alurenner kaufen, dann würde ich sicher öfter Radfahren, zum Feldmochinger See rüber zum Beispiel. Aber ich würde mit Sicherheit nicht mein Leben auf den Kopf stellen, bloss weil ich mehr Geld hätte, da bin ich ganz zuversichtlich. Ich bin lieber horizontal reich – und eigentlich bin ich das jetzt schon 🙂

22. Dezember 2018
von admin
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Geschenkt für alle – Public Domain und Open Source

Es ist wieder diese Zeit im Jahr: mich juckt der Statistik-Nerv, ich schau mir zum Jahresende die Besucherstatistiken meiner Blogs mal wieder genauer an. Alle alten Programmierer lieben Statistiken, ich bin da keine Ausnahme, und liebe meine Zahlenschubsereien.

Der absolute Renner ist nach wie vor mein barrierefreies Inselfisch-Kochbuch, mit weit über 100.000 Besuchern und einem Schnitt von knapp 200 Besuchern/Tag. Dicht gefolgt von meinen Oddballs Handarbeitsseiten, hier habe ich über 60.000 Besucher, ca. 120 am Tag.Der nächste Renner ist mein Blog für alte Programmierer, das Bistro zum schwarzen Pinguin verzeichnete dieses Jahr gut 30.000 Besucher, ca. 90/Tag. Ein Hit sind auch meine Seiten mit den Landschaftsbildern, Aquarell – Malen mit Licht und Luft verzeichnete knapp 19.000 Besucher, ca. 30 am Tag. Sogar mein kleiner Glasperlenschmuck-Blog Evis Finest ist noch gut mit im Rennen, hier hatte ich knapp 14.000 Besucher/ca. 15 am Tag.

Wenn man noch ein bisschen Kleinkram mitrechnet (die Computergrafiken, die Hörbilder, die Kinderbücher…) sind das mal flockig an die 250.000 Besucher auf meiner Webseite evileu.de , das ist eine Viertel Million! Das ist der Hammer, finde ich, für eine nicht-kommerzielle private kleine Seite sind das schon stolze Zahlen.

Ich werde angesichts dieser Besucherzahlen immer wieder gefragt, ob ich nicht darüber Nachdenke, Geld mit meinen Webseiten zu verdienen. Ich denke darüber nach, recht oft sogar. Und komme immer wieder zum selben Ergebnis: Njet, nein Danke.

Ich könnte zum Beispiel im Inselfisch-Kochbuch Anzeigen von Lebensmittelfirmen schalten, die wären da sicher interessiert. Ja, und dann? Für die paar Kröten, die da hereinkommen würden, ginge meine schöne Barrierefreiheit über den Jordan, aufpoppende Werbeeinblendungen sind eine Zumutung für Screenreader-Benutzer. Erschwerend kommt hinzu, dass ich nicht für jedes x-beliebige Food-Produkt Werbung machen wollte, Fixprodukte und Fertiggerichte kommen z.B. bei mir nicht ins Haus. Da würde ich schon eher Werbung für Geschäfte machen wollen, wo ich selber gern einkaufe und hinter der Qualität stehe, aber das sind durch die Bank kleine Einzelhandelsbetriebe, die kein oder nur ein sehr kleines Werbebudget haben, da wirds wieder nix mit dem Riesen-Reibach. Also: keine Werbung im Inselfisch-Kochbuch.

Man könnte auch für den Download von Rezepten eine kleine Gebühr verlangen, Kleinvieh macht auch Mist, da käme wahrscheinlich mit der Zeit ganz schön was zusammen. Da sträuben sich mir aber sämtliche Antennen, schliesslich veröffentliche ich meine Rezepte, damit sie jeder Nachkochen kann. Dazu gehört auch, dass man in meinen Rezepten schmökern kann und sich die heraussuchen, die einen am meisten ansprechen – wenn man erst was zahlen müsste, bevor man ein Rezept begutachten kann, das fände ich kontraproduktiv. Woher soll man vorher wissen, ob man es sich zutraut, ein Rezept nach meiner Anleitung selbst zuzubereiten? Ich denke da vor allem auch an meine Besucher mit Handicap, die ganz sicher erstmal das ganze Rezept gründlich durchlesen wollen, ehe sie sich an die Zubereitung wagen. Also, Downloadgebühr für Rezepte fällt auch aus.

Genauso sieht es auf meinen Oddballs-Handarbeitsseiten aus: ich biete unter anderem eine ganze Latte barrierefreier Strickanleitungen zum kostenlosen Download an. Da ich meine Zielgruppe gut kenne und auch viel Feedback vor allem von meinen sehgeschädigten Handarbeitsfreundinnen bekomme, weiss ich dass die ganz viel damit zu kämpfen haben, dass Anleitungen dann doch nicht barrierefrei sind und für Strickerinnen mit Handicap nicht zum Nacharbeiten taugen. Bei mir kann man sich die Anleitungen kostenlos herunterladen und in Ruhe ausprobieren, ich mag da kein Geld dafür verlangen. Auch die nicht-barrierefreien Anleitungen sind und bleiben bei mir kostenlos.

Bei meinen Aquarellen sieht es auch nicht viel anders aus. Ich weiss, dass die Bilder ganz viel kopiert und ausgedruckt werden, aber ich mag da auch keine Download-Gebühren verlangen, weil es den ganzen Sinn und Zweck meiner Bilder-Webseite in Frage stellen würde. Ich habe die Seite als Medium geschaffen, damit meine Bilder unter die Leute kommen und gesehen werden, und so alle heiligen Zeiten einmal verkaufe ich auch eins. Aber nicht die kommerzielle Vermarktung ist mein Ziel, sondern die Präsentation meiner Arbeiten in einem schönen Rahmen, wo man auch zum Beispiel nach Lieblingsplätzen oder Jahreszeiten Bilder suchen kann und eine schöne Auswahl findet. Meine Besucherzahlen geben mir recht – die Bilderseiten sind sehr beliebt, und ich habe schon oft das Feedback gekriegt, dass manche Benutzer immer wieder kommen und sich die Bilder ansehen, weil sie ihnen so gut gefallen. Das ist mein Profit – die Bestätigung, dass meine Aquarelle bei meinem Publikum gut ankommen.

Und was hat das alles jetzt mit Public Domain und Open Source zu tun?

Alles! Ich bin ein „Digital Native“, ich bin mit dem Internet zusammen in meinem Beruf grossgeworden, und ich vertrete von Anfang an die Überzeugung, dass das Web eine freie Informationsquelle für alle sein und bleiben sollte. Die explodierende Kommerzialisierung der letzten 10, 20 Jahre finde ich fürchterlich, aber gottseidank bin ich gegen Werbung immun und klicke schneller weg als man „Cash“ sagen kann, wenn ich mal auf einer Seite lande die mir nur irgendwelchen Schotter verkaufen will.

Dagegen bin ich Dauerkunde bei vielen freien Foren, die sich ohne Abkassieren und Abzocke mit Themen beschäftigen, die mich interessieren. Ich bin viel in den Webdesign- und Programmiererforen unterwegs, ich nutze sehr gerne die hervorragenden Online-Schulungsangebote des W3C, ich surfe mit Begeisterung durch die kostenlosen Handarbeitsanleitungen auf Ravelry, ich engagiere mich in den WordPress-Accessibility Aktivitäten, um nur einige wenige zu nennen. Ich weigere mich strikt, für solche Dienste und Informationsquellen etwas zu bezahlen, es gibt genügend freie Angebote, man muss halt manchmal ein bisschen länger recherchieren, aber es ist alles da und frei zugänglich. Das ist gut so, und mein Beitrag dazu, dass es auch in Zukunft so bleibt ist es eben, auf meiner privaten Webseite evileu.de niemanden abzukassieren. Meine Seiten sind und bleiben frei zugänglich, einige sogar als besonderer Service barrierefrei bzw. barrierearm, und ich bin stolz darauf dass ich mit meinen unterschiedlichen Interessengebieten und Angeboten so viele Besucher anziehe.

Das ist meine Internet-Philosophie: ich hole mir viel aus dem Netz und lerne und staune täglich wieder, was es alles an tollen kostenlosen Angeboten gibt. Ich revanchiere mich dafür mit meinen eigenen kommerzfreien Webseiten, in meinem mittlerweile gar nicht mehr so kleinen Rahmen. Das ist die Idee hinter Public Domain und Open Source, dahinter stehe ich, und ich glaube nicht dass sich daran jemals etwas ändern wird.