Praxis Dr. Inselfisch

Psychologie, Philosophie und Programmierung

10. Dezember 2018
von admin
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Der Else-Zweig: es gibt immer eine Alternative

Das erste Konstrukt, das man gemeinhin in einer Programmiersprache lernt, ist meistens ein If, auf Deutsch ein Wenn. Wenn a grösser als b ist, mach etwas, das ist die Ausgangsbasis für viele Anfängerprogramme. Dabei lernt man meistens auch ziemlich schnell, dass die If-Bedingung selten ein-eindeutig ist, man muss immer noch ein paar Alternativen berücksichtigen. Was ist zum Beispiel, wenn a nicht grösser als b ist, sondern kleiner? Was macht man dann? Und was ist, wenn die beiden Werte gleich sind? Dafür gibt es die Else-Bedingung, also die Alternative, was passieren soll wenn die If-Bedingung nicht zutrifft.

Das kriegt man in verschärfter Form immer wieder um die Ohren, besonders wenn es um Benutzereingaben geht. Nehmen wir mal an, wir bitten den Benutzer um die Eingabe einer Zahl:

eingabe_screenshot

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Das sieht sehr straightforward aus, hat es aber ganz schön in sich. Als Programmierer ist man nämlich häufig damit beschäftigt, Benutzereingaben „wasserdicht“ zu machen, das heißt, man muss alle möglichen Konstellationen berücksichtigen und vorausschauend bedenken, was der Benutzer denn in unserem kleinen Eingabeformular alles machen könnte. Im besten Fall gibt er eine Zahl ein und klickt auf „Abschicken“, das ist Fall eins und leicht zu behandeln. Was aber passiert, wenn er keine Zahl, sondern einen Buchstaben oder sonstige Zeichen eingibt? Und was passiert, wenn er gar nichts eingibt und trotzdem auf Abschicken klickt? Und was passiert, wenn er nicht auf Abschicken klickt? Dann passiert nämlich gar nichts…

Sie sehen schon, das kann beliebig komplex werden. Deswegen muss ein guter Programmierer immer für den größten AU mitdenken (AU= Insiderwitz, Ahnungslosester User) und alle Eventualitäten berücksichtigen. Das übt – auch fürs richtige Leben.

Wenn ein guter Programmierer über ein Problem nachdenkt, berücksichtigt er immer auch den Else-Zweig, auch wenn der auf den ersten Blick nicht so offensichtlich erscheint. Wir sind es gewohnt, die Ausgangsbasis sehr genau anzuschauen, und alle möglichen Varianten der Vorgehensweise durchzuspielen. Ein richtig guter Programmierer wird dafür sorgen, dass der Benutzer gar keine Fehleingaben machen kann, dass beispielsweise eine aussagekräftige Fehlermeldung kommt wenn der User Buchstaben eingegeben hat, und das Programm zum Ausgangspunkt zurückkehrt ohne dass etwas passiert:

fehlermeldung

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Deswegen sind gute Programmierer auch immer gute Problem-Analytiker, sie sind es gewohnt mit allen Eventualitäten zu rechnen und ihre Programm so zu gestalten, dass jeder nur denkbare Fehler abgefangen wird.

In Computerprogrammen geht das meistens – meistens, aber nicht immer. Je komplexer die Ausgangssituation, desto schwieriger wird es, alle möglichen Ereignisse vorauszusehen und entsprechend zu behandeln. Schließlich sind wir keine Hellseher, und deswegen steht am Ende einer professionellen Programmentwicklung auch immer ein ausgiebiger Test, auf neudeutsch Usability Test. In dem dürfen und sollen die Anwender, also die Personen, die das Programm letztendlich benutzen sollen, das Programm so bedienen wie es ihnen gerade einfällt, und auch mal richtigen Käse und Unsinn eingeben und bewußt Fehlbedienungen provozieren. Ein richtig gutes Programm kann sowas ab ohne abzustürzen, und wenns während des Tests irgendwo kracht, muss der Programmierer nochmal ran und eine Fehlerbehandlung für diesen speziellen Fall einbauen. Im Normalfall braucht man sogar mehrere Testrunden, um die Programme auch bei krasser Fehlbedienung absturzfrei zu machen, erst dann entsteht Usability oder Benutzerfreundlichkeit.

Das heisst auch, dass ein guter Programmierer Nachkorrekturen nicht als lästiges Übel, sondern als notwendigen Bestandteil seiner Arbeit sieht, schließlich ist auch der beste Programmierer nicht unfehlbar, und kein auch nur etwas komplexeres Programm wird im ersten Anlauf schon fehlerfrei laufen.

Das übt fürs richtige Leben: am Anfang steht die Aufgabenstellung (das Programm, oder auch das Problem). Dann überlegt man sich alle möglichen Lösungen und sucht die aus, die einem am erfolgversprechendsten erscheint. Falls die dann doch die Aufgabe oder das Problem nicht hundertprozentig löst, kommen die Nachkorrekturarbeiten, und man probierts auf eine andere Art und Weise noch einmal. Dies nennt man einen iterativen Ansatz, und wenn man die Tests und die Nachkorrekturen richtig angeht, kommt man meist recht schnell zu einer zufriedenstellenden Lösung.

Wir sind nämlich nicht unfehlbar, aber wir sind lernfähig – und das ist im richtigen Leben auf jeden Fall eine sehr nützliche Fähigkeit, meinen sie nicht auch?

8. Dezember 2018
von admin
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Lust und Frust – oder warum gehen sie einkaufen?

Ich habe gerade einen sehr amerikanischen Artikel über die Psychologie des Verkaufens gelesen, der postuliert dass die Leute hauptsächlich aus zwei Gründen einkaufen: einmal zum Vergnügen, und zum anderen um Schmerz loszuwerden. Zum Vergnügen zum Beispiel eine 100 $ teure Flasche Wein, und um den Katerkopfschmerz loszuwerden, am nächsten Tag eine Packung Kopfschmerztabletten. Einen sündteuren roten Sportwagen zum Vergnügen, und den Kindersitz dazu um Schmerzen zu verhindern. Einen teuren Urlaub zum Vergnügen, ein Haarwuchsmittel um den Verlustschmerz bei Haarausfall zu vermeiden.

Das fand ich dann doch ein bisschen übersimplifiziert, aber so sind die Amis meiner Erfahrung nach oft. Man kann sowas auch als Frust- und Lustkäufe klassifizieren, und beides, so finde ich zumindest, ist ein bißchen ungut. Es läuft nämlich immer darauf hinaus, dass man Geld für etwas ausgibt, was man nicht wirklich braucht – aber dahin wollen uns die Marketingstrategen ja genau locken, sie wollen an das Cash in unseren Taschen, und dazu ist ihnen jedes Mittel recht. Liebeskummer bekämpft man mit einem oder besser gleich mehreren Paaren neuer Schuhe, der Frust im Job läßt sich nach Feierabend mit einem Raubzug durch die Boutiquen bekämpfen, gegen Einsamkeit hilft eine Familienpackung Eiskrem oder Schokolade, und bei Minderwertigkeitsgefühlen darf es gern ein PS-starkes völlig überteuertes Kraftfahrzeug sein. So suggerieren uns die allgewaltigen Sales- und Marketinggurus, dieses Credo kriegt man mit jedem Werbespot um die Ohren, in massiver und – für mich zumindest – schon direkt abschreckender Art und Weise. Ob Werbung im TV oder Internet, in den Printmedien oder auf der Strasse, überall wird uns eingetrichtert dass wir glücklichere Menschen sein werden, wenn wir nur *egal was * kaufen, und zwar möglichst sofort.

Ja hallo, gehts noch? Was ist aus den ganz normalen Einkäufen des täglichen Bedarfs geworden, gibt es sowas heute überhaupt noch? Früher, und ich meine wirklich früher, in der Generation meiner Oma, ging man jeden Tag zum Bäcker, zum Milchladen und zum Metzger und holte nur das, was am selben Tag auch verbraucht bzw. aufgegessen wurde. Man hatte nämlich noch keinen Kühlschrank, erst recht keinen Gefrierer, und die leicht verderblichen Lebensmittel wurden jeden Tag frisch geholt, damit sie nicht verdarben. Eine gute Hausfrau beherrschte auch die Kunst des rechten Masses, sie kochte genau so viel dass alle satt wurden, aber keine Reste übrig blieben – es gab nämlich wirklich keinen Kühlschrank, sondern bestenfalls eine leicht temperierte Speisekammer oder den kühleren Keller, und Essensreste mussten schnell weg, ehe sie vergammelten. Da schaute man lieber, dass gleich nichts übrig blieb. Unsere Omas liessen sich auch nicht von Sonderangeboten und Werbeartikeln verlocken, die kauften nur was sie wirklich brauchten, und liessen alles andere im Laden liegen.

Das änderte sich mit den Wirtschaftswunderjahren und der Generation meiner Mama, man hatte mehr Geld, man hatte eine moderne Küche mit Kühl- und Gefrierschrank, man konnte auf Vorrat einkaufen – und musste das auch tun, denn man musste auch viel arbeiten und hatte nicht mehr die Zeit, jeden Tag die Runde zum Bäcker, zum Milchladen und zum Metzger zu machen. Also wurde am Samstag mit dem Passat Kombi zum Suma oder Wertkauf gefahren, und der Kofferraum vollgeladen mit Waren, die dann die ganze Woche reichen mussten. Das war ganz sicher auch eine Art von Luxus, meine Mama hat es geliebt, dass sie gleich zehn Packerln Kaffee mitnehmen konnte, und Nudeln und Mehl und Zucker in Familien-Großpackungen. Die Vorräte wurden dann zuhause säuberlich verstaut, und man konnte die ganze Woche aus dem Vollen schöpfen. Allerdings gingen bei diesen samstäglichen Einkaufsorgien schon auch mal Sachen mit, die nicht unbedingt gebraucht wurden, das Sortiment in den Supermärkten war ja geradezu paradiesisch üppig, und unsere Mamas waren auch nicht mehr so knapp bei Kasse, dass sie da auf jeden Pfennig achten mussten.

Ja, und meine Generation? Ich habe in meinen Jahren als gutverdienende berufstätige Haus- und Ehefrau immer zuviel eingekauft, wie ein Eichhörnchen, man konnte es sich ja leisten, und wie sollte ich am Morgen schon wissen, auf was wir Abends Appetit haben würden? Also ging beim Metzger nicht nur das Schnitzel, sondern auch gleich noch die Kotletts mit, und beim Griechen drei bis fünf Sorten Salat und Gemüse, und noch ein Sortiment Antipasti dazu. Das endete leider oft damit, dass wir ziemlich viele Lebensmittel weggeschmissen haben, weil wir sie nicht rechtzeitig aufbrauchen konnten. Ich habe jahrelang an mich hingearbeitet, auch als ich schon lang wieder Single war, und mühsam wieder verlernt, immer für drei und fünf Mahlzeiten gleichzeitig einzukaufen. Das kenne ich auch von vielen meiner Freundinnen in meinem Alter, wir kämpfen alle damit, dass wir immer noch mehr heimtun, als wir tatsächlich verbrauchen.

Mit den Jahren bin ich da aber besser geworden, und heute kaufe ich wieder fast so ein, wie es meine Oma getan hat. Milch für meinen Kaffee Latte, eine frische Semmel zum Frühstück, Kaffee wenn der droht alle zu werden, auch mal ein Stück Käse oder eine Tafel Schokolade, ein Radler oder eine Viertelflasche Wein für Abends, und ansonsten wirklich nur wenn was gebraucht wird, Waschpulver und Klopapier und sowas. Das wars dann aber wirklich, sogenannte Spontankäufe hab ich mir komplett abgewöhnt, ich nehm nur mit was auf meinem Einkaufszettel steht, und wenn die Sonderangebote noch so toll locken. Da hilft es ungemein, dass ich gegen Werbung so gut wie immun bin, dank jahrelangen harten Trainings. Und es hilft auch, dass ich sehr gut kochen kann, und nie, aber wirklich nie Fertiggerichte esse.

Das ist die Überleitung zur Generation nach mir: die Kids, die alle nicht mehr kochen können. Manchmal läßt es sich nicht vermeiden, dass ich Abends noch in den Supermarkt gehen muss, und da staune ich immer mit was die jüngeren Leute ihre Einkaufswägen füllen. Fertiggerichte soweit das Auge reicht, Maggi-Fix für alles mögliche, Pizza und Pommes und anderer Tiefkühl-Schnellfrass, dazu noch Chips und Flips und Schokolade und Süßwaren zuhauf. Fertig marinierte Fleischwaren (finde ich besonders gruselig) und abgepackte Würste (sind auch meist scheusslich), und dann noch vorgefertigte Desserts und Puddingpülverchen für den süssen Schluss. Nichts dabei, was ich gern kochen geschweige denn mit Appetit essen würde.

Bin ich so ein Fossil? Ich fürchte fast, ja. Ich kaufe täglich nur das ein, was ich auch bald verbrauche, und ich nehme bestimmte Markenartikel – den Dallmayr Kaffee, die Berchtesgadner Butter, das Pfister Brot – weil sie mir besser schmecken und ich mich auf die gleichbleibende Qualität verlassen kann, nicht weil ich sie in der Werbung gesehen habe.  Ich lade mir nicht den Einkaufswagen voll, weil ich irgendeinen Frust bekämpfen muss. Shopping macht mich nicht per se glücklich, aber ich freue mich an guten Dingen und bin happy, dass ich es mir leisten kann zu kaufen was ich gerne mag. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, da können mir die Marketing-Strategen und Sales-Experten alle gern mal am Abend begegnen.

6. Dezember 2018
von admin
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Speed Reading: die gar nicht so erstrebenswerte Kunst des Schnelllesens

Ich kann Speed Reading – das heisst, ich kann verdammt schnell lesen und dabei den Sinn und Inhalt eines Textes genauso exakt erfassen wie jemand, der erheblich langsamer und genauer liest. Ich habs noch nicht gemessen, wie schnell ich bin, aber wenn in meinen Newslettern ein „10 minute read“ angekündigt ist, bin ich spätestens in einer Minute mit dem Artikel durch. Ich schätze mich selber auf einen Faktor 10 und drüber, das heißt ich lese mindestens zehnmal so schnell wie andere Leute. Der Witz beim Speed Reading ist allerdings, dass das Leseverständnis nicht darunter leiden darf, sonst kommt es zu Effekten wie :

„Ich habe Krieg und Frieden in einer halben Stunde gelesen. Es handelt von Russland.“

(Quelle unbekannt)

Woher ich das kann, keine Ahnung – hab ich mir selber beigebracht, nehme ich an. Ich hab schon als Vorschulkind lesen können, und war ab der ersten Klasse Volksschule die beste Kundin im Bücherbus. Die Bibliotheken meiner Eltern und Großeltern hatte ich durch, da war ich noch nicht einmal im Gymnasium, also so etwa mit 10, 12 Jahren. Inklusive Papas Mario Puzo und Mamas Johannes Mario Simmel, nur Opas Brockhaus hat mich etwas länger aufgehalten 😉

Speed Reading hat mir in der Schule unheimlich weitergeholfen, weil ich meine Hausaufgaben damit in kürzester Zeit erledigen konnte, und es hat mir auch im Studium viel gebracht, weil ich Literaturquellen wie ein Hochleistungsbagger wegschaufeln konnte. Es hat mir auch in meinem Beruf als ITlerin viel geholfen, weil ich in einem Höllentempo recherchieren kann und auf der Suche nach Problemlösungen im Internet Geschwindigkeitsrekorde breche – ich bin Meisterin im Speed-Googlen und finde die Lösung zu einem x-beliebigen Programmierproblem in wenigen Minuten, wenn es sie denn im Internet gibt. Und die meisten Programmierprobleme sind schon von anderen gelöst worden, glauben sie es mir – wir Informatiker sind da wenig originell und stolpern alle über die selben Fallen, wenn es darum geht eine neue Programmiersprache oder Bibliothek oder API oder so etwas zu erlernen. Ich kann auch Handbücher und Bedienungsanleitungen mit einem Affenzahn durchackern und löse so die meisten RTFM-Probleme. (Anmerkung am Rande: RTFM = Read The F*cking Manual – geflügeltes ITler-Wort)

Wie ich es schaffe, so schnell zu lesen? So wie die meisten Speed Reader (s. Wiki-Link oben), ich erfasse nicht einzelne Buchstaben und Wörter, sondern Wortgruppen und ganze Sätze und Absätze mit einem Blick. Das geht um so schneller, je mehr man übt, weil die Mustererkennung immer schneller wird, je mehr Bücher man gelesen hat, und je vertrauter man mit der Sprache ist. Ich kann Speed Reading übrigens auch in Englisch, aber das nur am Rande.

Klingt gut, nicht wahr? Hat aber auch seine Schattenseite: man kann es nicht abschalten. Das heißt, auch wenn ich zur Entspannung und zum Vergnügen lese, lese ich in einem Höllentempo, und habe die schönsten Bücher in Nullkommanix durch. Das ist sehr schade, weil ich mich mit schönen Büchern eigentlich gerne wesentlich länger aufhalten möchte – da hilft es dann nur, die Notbremse zu ziehen und mir selber laut vorzulesen, sprechen kann ich nämlich lange nicht so schnell wie stumm lesen.

Das Vorlesen ist allerdings etwas, das in meinem Freundes- und Familienkreis sehr geschätzt wird, und hier hilft mir Speed Reading sogar, ich bin eine sehr gute Vorleserin. Dadurch, dass ich einen ganzen Satz auf einen Blick erfasse, hat mein Gehirn Zeit, auch noch über die Intonation und die Lesegeschwindigkeit nachzudenken, und dazu noch auf die Reaktionen meines Publikums zu achten, ob ich zu schnell oder zu langsam lese oder ob ich zu laut oder zu leise bin. Das kann ich alles nebenher noch kontrollieren und gegebenenfalls anpassen. Hier kommt mir die oft ungeliebte Fähigkeit gut zupass, ich liebe es Geschichten vorzulesen und habe auch schon etliche Hörbilder und Diashows selbst eingelesen und vertont, die kommen bei meinem Publikum gut an.

Aber ansonsten kann ich keinem empfehlen, sich zu sehr aufs Schnelllesen einzuschiessen, es nimmt einem wie gesagt viel zu schnell das Vergnügen an Büchern, die es wert wären, sich länger damit zu beschäftigen. Da beneide ich manchmal diejenigen, die sich Wort für Wort durch Texte arbeiten, bei denen hält der Genuss viel länger vor, und ein köstliches Buch kann einen viele Tage aufs angenehmste beschäftigen. Ich lese halt dann im Notfall nochmal, oder auch ein fünftes und ein zehntes Mal. Vom Winde verweht an einem Abend? Aber locker! Und immer wieder gerne 🙂

5. Dezember 2018
von admin
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Früher oder später kriegt es dich: das Motivationsloch

Es ist tückisch. Es kommt ohne Vorwarnung. Es erwischt auch die Besten unter uns. Es lauert boshaft hinter der nächsten Runde des Sekundenzeigers, zack, auf einmal ist es da und überfällt dich ohne Gnade – das Motivationsloch.

motivationsloch

motivationsloch

Das Einzige was man halbwegs berechnen kann ist, dass das gemeine Motivationsloch meistens dann auftritt, wenn man ein Projekt (egal welcher Art) abgeschlossen hat und sich seine wohlverdiente Pause gönnt, dann schlägt es ganz besonders gern zu. Gerade war man noch beschwingt und guten Mutes, und bereit die nächste Aufgabe anzugehen – und Zack! da schlägt es zu. Puff, die Motivation ist weg. Und zwar komplett. Ganz egal was man als nächstes anfangen wollte, auf einmal gehts nicht mehr. Unlust überschattet alle erreichbaren Tätigkeiten, Null Bock macht sich breit, dazu kann eine gemeine, weil alles verdunkelnde Langeweile auftreten. Mehr noch, man wird von einem Augenblick auf den anderen zum Schwarzseher, egal was man als nächstes machen wollte, jetzt ist es auf einmal keine gute Idee mehr, das will man NICHT machen, auf gar keinen Fall… man will auch nichts anderes machen. Man will rumhängen und leiden und Trübsal blasen.

Das kann fatal enden: in diesem Zustand ist man besonders anfällig für Zeit verbrennende Zerstreuungen wie Games, Glotze konsumieren, Sudoku oder Kreuzworträtsel bis zum Abwinken und dergleichen nutzlose und sinnfreie Beschäftigungen mehr. Ist auch eine Lösung, dem nachzugeben und über den Tag ein Ei drüber zu hauen, aber zufrieden macht es nicht, und das Motivationsloch wird einen noch die ganze Nacht verfolgen und keine besonders angenehmen Träume hervorrufen, ich weiß das aus Erfahrung. Ausserdem verdirbt man sich den Appetit aufs Abendessen 😉

depri

depri

Es besteht auch durchaus die Gefahr, dass sich das Motivationsloch zu einer ausgewachsenen depressiven Phase aufbläst, wenn man ihm Futter gibt. Ich hab aber was gegen Depri, ich leide nicht gerne und tu mir auch nicht gern selber leid, deswegen habe ich mir Strategien gegen das Motivationsloch eingeübt, die es verjagen oder zumindest soweit abmildern, dass ich den Tag noch mit Anstand zu Ende bringen kann.

In milderen Fällen hilft der Griff zum Strickzeug; Stricken ist eine simple mechanische Tätigkeit, bei der ich den Kopf abschalten und mich darauf konzentrieren kann, dass das Strickzeug Masche für Masche und Reihe für Reihe wächst und etwas Sichtbares bei meiner Beschäftigung herauskommt. Das beruhigt mich, und oft fällt mir dabei ein, was ich als Nächstes tun könnte, und der Tag ist gerettet.

Wenn ich in so einer Situation keine Lust zum Stricken habe, ist Alarmstufe Orange angesagt. Dann suche ich mir etwas, bei dem ich Dinge sortieren und in Ordnung bringen kann. Das kann sowas Simples sein wie das Wohnzimmer oder die Küche aufräumen, auch den Posteingang auf Vordermann zu bringen hilft immer gut, allernötigstenfalls sortiere ich auch schon mal Perlen oder Büroklammern nach Farbe, Form und Grösse. Buchhalterkinder lieben es, Material zu sortieren!

Wenn ich mal noch nicht einmal Lust zum Sortieren haben sollte, ist das Alarmstufe Rot. Dann hole ich mir Hilfe von aussen, dafür habe ich mein eigenes soziales Netzwerk. Freundinnen und Freunde, Familie, meine wunderbare Hausärztin – irgend jemand ist immer erreichbar, per Telefon oder auch per E-Mail. Die kennen mich alle, und wenn ich sage „Motivationsloch“ wissen die, wovon ich rede. Und erinnern mich daran, dass ich etwas dagegen tun kann – egal was, Hauptsache eine produktive Beschäftigung, und sei es nur, einen Kuchen zu backen. Meistens hilft es dann, ein paar Minuten zu quatschen und das grosse böse Motivationsloch dorthin zu verbannen, wo es hingehört – auf die Müllkippe, und nicht in mein Leben. Dann tu ich was, eigentlich ziemlich egal was, Hauptsache produktive Beschäftigung – und o Wunder, es hilft. Es hat noch immer geholfen, da kann ich mich gottseidank drauf verlassen.

Diese Strategie hilft mir, mit dem Motivationsloch fertig zu werden, wann immer es auftritt. So ganz läßt es sich nämlich nicht vermeiden, irgendwann findet es immer wieder mal ein Schlupfloch und will sich dadurch in meinem Leben breit machen. Aber ich lasse es nicht die Überhand gewinnen, dazu  ist mir meine Lebenszeit einfach zu schade. Ausserdem bin ich viel lieber lustig als depressiv, und das ist etwas, das das grosse böse Motivationsloch ganz und gar nicht vertragen kann. Wenn man es nämlich ordentlich durch den Kakao zieht und kräftig auslacht, ergreift es panisch die Flucht, und läßt sich so schnell nicht wieder blicken 🙂

2. Dezember 2018
von admin
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Mein bairisches Kunstverständnis: sonst hiesse es ja „Wunst“

Das, liebe Leser, dürfte eines der meistumstrittenen Zitate der modernen Kunstgeschichte sein:

„Kunst kommt von Können, nicht von Wollen – sonst hieße es ja Wunst.“

Man kann hier bei Wiki nachlesen, wem es allem zugeschrieben wurde, von Liebermann über Herder bis zu einer Nazi-Größe ist da alles dabei. Ich habe es von meinem Opa, und der hat gesagt, der Karl Valentin hat es gesagt. Wie dem auch sei, ich liebe die feinsinnige Anspielung auf den „Wunst“, der nicht von ungefähr dem „Wanst“ ähnlich lautet und genauso nützlich und ästhetisch ist wie ein ungeliebter Speckstau am mittleren Ring.

Und da ich meine frühkindliche Erziehung in Sachen Kunst von meinen Großeltern bekommen habe, habe ich auch ihre Einstellung zu der Sache übernommen. Oma und Opa waren beide sehr kunstsinnig, gingen viel in Museen und Ausstellungen, sammelten wunderbar illustrierte Kunstbände und waren mit einem bekannten Maler der Münchner Schule sehr befreundet, der auch Portraits ihrer Kinder malte. Von Oma und Opa habe ich übernommen, dass Kunst nicht zufällig entsteht, sondern immer der Ausdruck eines besonderen Könnens und einer besonderen Begabung ist. Das implizierte auch, dass künstlerische Begabung in der Familie erkannt und nach Möglichkeit gefördert wurde – wenn es nur mit den Möglichkeiten etwas weiter her gewesen wäre, aber die Lattas waren nun mal keine reichen Leute.

Deswegen förderten Oma und Opa meine Begabung zwar von frühester Kindheit an mit ihrem Lob und der Ermutigung, weiterhin schöne Dinge zu schaffen, gleichzeitig aber schärften sie mir ein, dass nur die wenigsten Künstler von ihrer Kunst auch leben können, und ich mir besser ein sicheres Auskommen in einem anderen Beruf suchen sollte. Das habe ich letztendlich auch getan, nach einigen Irrwegen bin ich in die IT geraten und habe mich da von Anfang an heimisch gefühlt, und eine abwechslungsreiche (wenn auch nicht immer einfache) Karriere hingelegt, und auch oft viel Geld verdient. Trotzdem hat die Kunst mich immer begleitet, und wenn ich heute sage ich habe zwei Berufe, die IT und die Kunst, so kommt das aus ganzem Herzen.

Dabei verstehe ich mich selbst eher als Handwerkerin, mit dem Aquarellmalen als meiner besonderen Fähigkeit, aber der Ausdruck „Kunsthandwerk“ hat im heutigen Sprachgebrauch so etwas Abgeschmecktes. Das riecht nach Boutique und dilettantischer Selbstverwirklichung, und sogar der aktuelle DIY-Hype reitet auf der selben Welle mit seinen Zillionen Anleitungen für Beliebiges, das zur Kunst erklärt wird nur weil man es selbst gemacht hat. Das klingt jetzt böse – und ist es auch. Malen nach Zahlen halte ich nicht für Kunst, genauso wenig wie ich das erfolgreich zusammengebaute Lego-Star Wars-Raumschiff für Kunst halte. Es wird einem mit diesen ganzen Bausätzen und Vorlagen nur suggeriert, dass man damit Kunst schaffen könnte, aber es fehlt die kreative Eigenleistung.

Meiner Überzeugung nach entsteht Kunst dadurch, dass der Schaffende dem Geschaffenen seinen eigenen Stempel aufdrückt, dass er abstrahiert, improvisiert, seine eigene Sicht der Welt in das Werk projiziert. Kunst ist für mich auch immer ein Spiegel der Persönlichkeit, ein echter Künstler entwickelt immer eine eigene, unverkennbare Handschrift, die ihn von anderen unterscheidet und einzigartig macht. Dabei ist es unwesentlich, ob das Werk „nach der Natur“ und realistisch, oder abstrakt und künstlerisch verfremdet herauskommt. Der eigene Stil ist es, was zählt, und mir ist ein naturalistischer Wilhelm Leibl genauso lieb und wert wie ein abstrahierender Paul Klee, ein stilisierender Gustav Klimt genauso wertvoll wie ein zu Späßen aufgelegter Antonio Gaudi, den wir Bayern schon allein seines Namens wegen lieben 🙂

Die Einzigartigkeit ihrer Werke ist das, was ich an Künstlern am höchsten schätze, und ich nenne mich erst selber Künstlerin, seit ich glaube, meinen eigenen Stil gefunden zu haben. „Des is a echter Evi, des kennt ma glei!“ ist das höchste Lob, das ich von Familie und Freunden gern hören mag. Dann freue ich mich und bin stolz, und meine kunstsinnigen Großeltern freuen sich auch mit mir, von drüben herüber.

2. Dezember 2018
von admin
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Das Handarbeitszeichen, oder: soviel zu meinem Perfektionismus

Ich bin zur Perfektionistin erzogen worden, wie viele meiner Altersgenossinen aus den Babyboom-Jahren. Was wir machen, hat immer super zu sein: wir sind Super-Teenagerprinzessinen gewesen, aber auch Super-Schülerinnen und Super-Studentinnen, und nebenbei noch Super-Hausfrauen,  und Super-Berufstätige-Mütter, sogar zu Super-Geschlechtspartnerinnen hat uns Tante Beate Uhse herangebildet.

Da waren unsere Mütter und Großmütter nicht so streng beschlagen. Die wussten noch, dass nichts perfekt ist, was wir mit unseren Fähigkeiten und unserer Hände Arbeit erschaffen. Meine Oma, eine begnadete Damenschneiderin und Modistin, nahm schon mal einen blauen Unterfaden bei einem schwarzen Stoff, oder ein geblümtes Futter (sieht man ja eh nicht!) in der Tasche eines noblen grauen Blazers.

Meine Mama strickte sehr gern, aber weil sie nur auf einem Auge gut gucken konnte, machte sie immer wieder Fehler, das nannte sie ihr „Handarbeitszeichen“. Ihre handgestrickten Pullis waren deswegen nicht weniger schön und kuschelig, und wir haben sie immer getragen bis sie fadenscheinig wurden.

Die Amish People, die die vielleicht schönsten traditionellen Quilts der Welt nähen, setzen in jedem Stück ein Stoffteilchen aus einer komplett verqueren nicht passenden Farbe ein, mit Absicht, denn sie sagen nur Gott ist perfekt, wir Menschen können es gar nicht sein. Und meine weise Freundin Helga hat die These aufgestellt: „Es ist völlig unmöglich, zwei identische Socken zu stricken“. Sie hat recht!

Von Helga stammt auch die alte Handwerkerweisheit „Besser gleich am Anfang verbohrt!“, die dem Rechnung trägt, dass in jedem Projekt Fehler passieren, und es besser ist man macht gleich zu Beginn etwas falsch, und hat dann seine Ruhe. Aus meiner Hobbyecke könnte ich auch noch tausend Beispiele zitieren, die beweisen dass man kein Stück absolut perfekt erschaffen kann. Von den Regalen mit den vier selbstgedrechselten Füssen, von denen einer im Durchmesser einen Zentimeter kleiner ist als die anderen drei, über den Schreibtisch mit dem nicht ausbesserbaren Wasserschaden auf der Platte bis zum Schrank mit dem um eine Handbreit verbohrten Schlüsselloch, da gäbe es noch viel zu erzählen.

Viel über den Wert des Imperfekten hat mich die Aquarellmalerei gelehrt. Das Aquarell lebt von Frische und Spontaneität, und nicht von perfektionistischer Detailgenauigkeit, ganz im Gegenteil. Ich musste lernen, zuerst eine schnelle Skizze zu machen statt mich stundenlang mit Details aufzuhalten, ich lernte Improvisation und die Kunst des Weglassens, und ich lernte es auch, ein Bild an einem Tag fertigzustellen und es so sein zu lassen wie es gelungen war. Ich habe am Anfang viele Bilder „kaputtgemalt“ weil ich sie immer noch perfekter und wirklichkeitsgetreuer haben wollte, und lernte auf die harte Tour, dass weniger in der Aquarellmalerei immer mehr ist. Fotorealismus hat sicher seinen Platz in der Kunstgeschichte, aber im spontanen Landschaftsbild, das die Wolken und das Licht und die Stimmung einfangen möchte, hat er nichts zu suchen.

Ich habe mir einen Beruf ausgesucht, in dem man im Normalfall schon ziemlich perfekt arbeiten muss, wenn man einen Fehler in einer Codezeile macht, läuft das Programm nicht, oder liefert ein falsches Ergebnis. Das ist mir heutzutage genug Perfektionismus, bei meinem zweiten Beruf als Künstlerin und Handwerkerin sehe ich es heutzutage wirklich nicht mehr so eng.

Ich stricke nicht zwanzig Reihen zurück bloß weil ich zwei Maschen falschrum gestrickt habe, ich trenne keinen Socken wieder auf bloß weil er einen halben Zentimeter kürzer als der andere geworden ist (ich hab eh ungleiche Füße 🙂 ), ich improvisiere und „zaubere“ beim Schneidern wie der Weltmeister, um meine vielen Fehler beim Zuschneiden und Massnehmen auszugleichen. Wenn ich Plätzerl backe, sind die mal grösser und mal kleiner und durchaus unterschiedlich geformt, ist ja keine Fabrikware. Wenn ich Glasperlenschmuck bastle, arbeite ich bewusst Fehlfarben mit ein, das sieht viel lebendiger aus als wenn man nur hundert absolut perfekte Swarovski-Kristalle aufreiht. Wenn ich blogge, mache ich Rechtschreibfehler, aber ich seh das nicht so genau, solange die Textverständlichkeit nicht darunter leidet. Und wer einen Fehler findet, darf ihn behalten! 🙂

Es lebe das Handarbeitszeichen! Wer arbeitet, macht auch Fehler, und Perfektionismus ist der ärgste Feind der Kreativität. Das sollten wir uns gerade im privaten Bereich, bei unseren Hobbys und Freizeitbeschäftigungen, nicht antun. Schliesslich arbeiten wir ja aus reiner Freude am Schaffen, und nicht um irgendeinen imaginären Perfektionspreis zu gewinnen. Selbermachen soll Spaß und Freude machen – und das, finde ich, ist ein guter Schlusssatz. Fröhliches Schaffen!

2. Dezember 2018
von admin
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Die Feynman-Methode: wie man alles lernen kann

Richard P. Feynman war der Held meiner frühen Studientage in den 1980er Jahren. Nobelpreisträger, Atomphysiker (ja, er baute mit an der Bombe), Womanizer, Charmeur und Safeknacker, war er ein grosses Vorbild und ein bewunderter Ausnahmewissenschaftler. Er schrieb auch die einzigen physikalischen Fachbücher, die man zum Vergnügen konsumierte, und seine autobiografischen Werke (unter anderem “ Surely you’re joking, Mr. Feynman“) waren sowohl höchst amüsant als auch von einer fundierten Neugier, einer tiefgehenden Skepsis gegenüber Klischees, einer analytischen und präzisem Beaobachtungsgabe sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber geprägt.

Feynman war nicht nur Physiker, er war auch ein grosser Philosoph und Gesellschaftskritiker, und er war vor allen Dingen eins: ein großartiger Lehrer. Seine Vorlesungen und Seminare waren legendär und absolute Publikumsrenner, und die  Feynman Lectures on Physics erfreuen sich noch heute grosser Beliebtheit.

Von Richard Feynman stammt mein absolutes Lieblingszitat:

„Wenn du es nicht in einfachen Worten erklären kannst, hast du es nicht verstanden.“

Kürzlich habe ich einen sehr amüsanten Artikel gelesen, der die Feynman-Methode des Lernens behandelte, und diese läßt sich auf ein sehr einfaches Grundprinzip reduzieren:

„Erkläre es einem Achtjährigen.“

Und das ist wortwörtlich so gemeint! Klemm dir ein bestimmtes Thema, das du erlernen möchtest. Schreibe es so zusammen, dass es in möglichst wenigen einfachen Sätzen zu beschreiben ist. Suche dir einen aufgeweckten Achtjährigen und erkläre ihm dein Thema. Wenn er es versteht, hast du es auch kapiert. Wenn nicht, mußt du nochmal zurück und deine  Zusammenschrift verbessern.

Das wars! Da aufgeweckte Achtjährige allerdings nicht für jeden leicht greifbar sind, kann man das Kid auch durch einen (möglichst jungen) aufgeweckten Laien auf deinem Fachgebiet ersetzen. Wenn es dir gelingt, dein Thema jemandem zu erklären der keine Ahnung von deinem Fachgebiet hat, hast du gewonnen! 🙂

1. Dezember 2018
von admin
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Mit unserer Hände Arbeit – Handarbeiten für einen guten Zweck

DIY (Do It Yourself) ist absolut in. Handarbeiten ist der grosse Selbermach-Trend, auch in den Social Networks spiegelt sich der Boom von Stricken, Häkeln, Nähen, Filzen und tausend anderen Hobbyprojekten Marke Eigenbau. Jetzt in der Vorweihnachtszeit sind natürlich Geschenke für Familie und Freunde besonders gefragt und werden von zahllosen fleissigen Händen selbst geschaffen.

Aber unter dem ganzen Hype versteckt gibt es auch noch eine ganz andere Kultur der selbstgeschaffenen Projekte, besonders in Sachen Stricken und Häkeln. Unzählige Handarbeitsfreundinnen werken unermüdlich im (fast) Verborgenen: die Gruppen, Handarbeitskränzchen und Einzelkämpferinnen, die ihre Werke für einen guten Zweck hergeben. Ob für den Sternstunden-Bazar, den Weihnachtsmarktstand der Aidshilfe, das Waisenhaus in Russland, das Kinderhospiz, die Klinikclowns, für die Bahnhofsmission oder für Altersheime, selbstgemachte Handarbeiten werden an vielen Stellen gebraucht, und werden von vielen fleißigen Händen für die Bedürftigen gemacht und für ein Dankeschön hergegeben.

Viele dieser unermüdlichen Schöpferinnen von wärmenden, liebevoll gearbeiteten und oft auch wunderschönen Sachen sind in Internetgruppen organisiert, ich nenne hier nur mal beispielhaft die Ravelry-Gruppe „Handarbeiten für caritative Einrichtungen“, die es jetzt seit fast schon 10 Jahren gibt. Ich bin dort selbst seit 2014 aktiv, und habe inzwischen auch meine eigene Gruppe, das „Projekt für alte Münchner“. Ohne den organisatorischen Rahmen, den Ravelry solchen Gruppen bietet, wäre es kaum möglich die verschiedenen Hilfsprojekte organisiert und am Leben zu halten. Die freiwilligen Helferinnen leben weit über den gesamten deutschsprachigen Raum verteilt, da ist es nicht möglich, sich regelmässig zu treffen und dabei auszutauschen und Organisatorisches zu besprechen. Dadurch, dass wir auf Ravelry ein eigenes Forum haben, können die kleineren Gruppen sich organisieren und untereinander absprechen, was wo gebraucht wird, wer die Übergabe an die verschiedenen Hilfsprojekte macht und auch was mit Spenden (meistens Wolle und sonstiges Material) am besten passiert. Wer das ein bisschen mitverfolgt, bekommt einen Heidenrespekt davor, was hier im Verborgenen alles geschaffen wird.

100 Paar warme Socken für die Bahnhofsmission? Kein Problem, kriegen wir bis Weihnachten hin. Dutzende von dringend gebrauchten warmen Mützerln für Frühchen? Da braucht es eben Dutzende von fleißigen Händen, das ist in einer Woche fertig. Warme Kniedecken für die Opis und  kuschelige Schultertücher für die Omis im Altersheim? Werden flugs genadelt und treffen rechtzeitig zur kalten Jahreszeit bei ihren Empfängern ein. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen, es sind derzeit über 20 Hilfsprojekte in der Ravelry-Gruppe organisiert, und man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, wie fleissig und unermüdlich hier für gute Zwecke gehandarbeitet wird.

Dabei darf man nicht vergessen, dass schöne Handarbeiten nicht nur eine erhebliche Zeit zur Herstellung benötigen, sondern das Material auch nicht gerade billig ist. Die meisten freiwilligen Helferinnen bezahlen ihre Wolle aus eigener Tasche, die hereinkommenden Garnspenden machen nur einen Bruchteil der Produktion aus und sind meistens schnell weg. Wenn man sich überlegt, dass ein Knäuel Wolle selbst im tollsten Sonderangebot selten unter 2-3 € zu haben ist, geht da ganz schön Geld weg. Rechnet man dann noch die eingesetzte Zeit, kommt man hier auf erstaunliche Werte.

Was bewegt diese freiwilligen Handarbeitsfreundinnen zu solcher Großzügigkeit?

Ein Dankeschön, und die Bestätigung, dass ihre Werke auch dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Wenn ich nach einer Übergabe Bericht erstatte, dass sich die Senioren und Seniorinnen im Altersheim sehr über die schönen warmen Sachen gefreut haben, das ist meinen Mädels Dank genug, da brauchts kein grosses Brimborium. Sie geben gerne, mit warmen Herzen. Ich glaube, dass das die Empfängerinnen und Empfänger der schönen Handarbeiten spüren. Die Geschenke sind eben mit Liebe selbstgemacht, und wärmen deswegen noch ein bisschen besser 🙂

25. November 2018
von admin
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Ich bin ein Dopamin-Junkie

Vor etwa 30 Jahren fing das an: damals war Lotus Notes die erste Windows-Software, die einen mit diesen netten kleinen Benachrichtigungsfensterchen und einem musikalischen Klingeln darauf aufmerksam machte, wenn eine neue Nachricht eingetrudelt war. Immer. Sofort. Egal in welchem Programm man gerade arbeitete, das Fensterchen ging auf und Klingeling! – wer kann da schon widerstehen? Ich nicht, und ich bin seitdem ein Junkie. Neue Emails nicht sofort anschauen? Undenkbar! Eine neue Forumsnachricht ignorieren? Nie und nimmer, das muss ich gleich anschauen. Eine SMS nicht sofort öffnen? Das Blinken des ABs ignorieren, nicht aufs Display des Telefons gucken ob das nicht Anrufe in Abwesenheit aneigt? Jamais! Ich bin da wirklich voll der Junkie… Gottseidank hab ich kein Smartphone, ich würde ja nur noch am Tropf hängen.

In einem sehr erhellenden Artikel auf Psychology Today werden die biologischen Hintergründe dieses Phänomens beleuchtet, das ist sehr aufschlussreich und macht auch ein wenig nachdenklich:

https://www.psychologytoday.com/us/blog/brain-wise/201209/why-were-all-addicted-texts-twitter-and-google

Das vertrackte daran ist, dass das Dopamin, das die Lust-Zentren in unserem Gehirn anregt, schon bei der Erwartung eines neuen Reizes flutet, da ist die Vorahnung der Belohnung schon anregender als am Ende die Belohnung selbst. Deswegen landet man als Dopamin-Junkie auch in dieser Endlosschleife, wo es letztlich egal ist ob die erwartete Nachicht jetzt wirklich wichtig, gut, interessant oder sonst irgendwie positiv ist. Nein, die Ankündigung der Nachricht ist es, die der Sucht Stoff liefert, und das ist dann doch ziemlich fatal, denn hier setzt kein Lerneffekt ein. Ganz egal ob man gerade dreimal Junk-Email weggedrückt hat, bei der nächsten Ankündigung „sie haben 1 neue Nachricht“ setzt der Reflex wieder genauso ein, es könnte ja diesmal wichtig sein, oder erfreulich, oder uns glücklich machen. Deswegen ist mein Computer auch den ganzen Tag an, wenn ich zuhause bin, ich könnte ja – Gott bewahre! – eine Nachricht verpassen und meinen Dopamin-Fix nicht rechtzeitig bekommen. Da hilft mir nur, dass ich verdammt schnell bin, und erstens ankommende Nachrichten mit einem Blick klassifizieren kann, und dass ich zweitens beim Antworten auch verdammt schnell bin und nicht viel Zeit darauf verschwenden muss, auf eine Nachricht auch zu reagieren.

Ich habe allerdings beim Nachdenken über den Artikel aus Psychologie Today auch festgestellt, dass ich von anderen Menschen erwarte, dass sie genauso schnell auf meine Nachrichten reagieren wie ich auf ihre. Ich kann es zum Beispiel absolut nicht verstehen, wenn jemand nicht zurückruft, obwohl ich eine Nachricht auf seinem AB hinterlassen habe, wenn auf E-Mails tagelang keine Antwort kommt, wenn jemand seine Anrufe in Abwesenheit auf dem Handy ignoriert. Damit tue ich mir sehr schwer, und muss aufpassen dass ich da nicht angefressen reagiere.

Da ziehe ich aber auch eine persönliche Grenze. Wenn ich eine Anfrage an jemanden gestellt habe, auf die ich aus welchem Grund auch immer wirklich eine Antwort brauche, hake ich nach einiger Zeit nach, wenn keine Antwort kommt. Sei es wegen einer Auskunft von einer Behörde oder von der Hausverwaltung, wegen eines Arzt-oder sonstigen Termins, wegen Informationen die ich für meine Arbeit benötige oder Rückfragen wegen offener Baustellen sowohl geschäftlicher als auch privater Natur, ich lasse es nicht durchgehen, wenn jemand einfach nicht antwortet. Das ist aber eine andere Baustelle, das hat mit dem schnellen Dopamin-Fix jetzt nicht wirklich etwas zu tun, sondern mehr mit einfacher Höflichkeit und den Grundregeln der menschlichen Kommunikation.

Immerhin habe ich aber meine Dopamin-Sucht soweit im Griff, dass ich sie mir nur im Laufe des (Arbeits-)Tages erlaube und den Computer, meine Hauptquelle für den Suchtstoff, prinzipiell spätestens nach dem Abendessen ausschalte. Und ich weiß schon, warum ich kein Smartphone habe und mir auch keines zulegen will, das würde der Sucht zuviel Raum geben, das will ich gar nicht erst riskieren. Mir reicht es völlig, wenn die blaue Zahl in meinem Thunderbird (x) ungelesene Nachrichten anzeigt – huiii, ich eile, ich fliege! Könnte ja was weiß ich was Tolles dabei sein, und nicht nur Junk und unerwünschte Newsletter. Aber Gottseidank betreibe ich elektronische Konversation mit einer Menge netter Menschen, die mir wirklich etwas zu sagen haben, und über deren Nachrichten man sich auch immer freuen kann. Das reissts raus, denn sonst wäre die Dopamin-Sucht ein trauriges Kapitel. So ist’s nur eine Macke, auf die man ein bisschen ein Auge haben muss. Hoffe ich zumindest mal – aber jetzt muss ich schnell mal weg, ich habe 1 neue Nachricht! 🙂

 

24. November 2018
von admin
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Computer Ethics: die 10 Gebote für Programmierer

Bei meinen täglichen Newslettern war heute ein sehr erhellender Artikel über die jährliche Umfrage von StackOverflow, der sei jedem empfohlen, der sich für den Status und die Befindlichkeit der programmierenden Zunft heute interessiert:

https://medium.freecodecamp.org/stack-overflow-2018-developer-survey-faac8d3eb357

Es haben dieses Jahr über 100.000 Entwickler aus aller Herren Länder an der Umfrage teilgenommen, das war ein Rekord, und macht die Umfrage zur weltweit grössten im Bereich Software Development.

Mich hat hier besonders ein Passus interessiert: die Fragen zum Thema Computer-Ethik. Die Frage:

„Würden sie Code zu unethischen Zwecken programmieren ?“

…haben nur erschreckende 58,8 % mit Nein beantwortet. 36,6 % gaben an, es käme darauf an was es ist, und 4,8 % antworteten mit Ja.

Das finde ich ehrlich gesagt hammerhart. Die nächste Frage:

„Wer ist verantwortlich wenn Code zu unethischen Zwecken programmiert wird?“

… beantworteten 57,5% mit : „Das Management“, 22,8 % schoben es auf: „Denjenigen, der die Idee hatte“ und nur 19,7 % hielten „Den Entwickler, der es programmiert hat“ für verantwortlich.

Immerhin 79,6 % sind der Meinung, dass ein Entwickler die ethischen Gesichtspunkte seines Codes berücksichtigen sollte.

Uff! Noch nicht einmal 20 % würden also die Verantwortung dafür übernehmen, wenn Code zu unethischen Zwecken produziert werden soll. Das finde ich eine erschreckende Zahl. Und man fragt sich natürlich, woher das kommt. Wenn man sich den Rest der Statistiken genauer anschaut, findet man schnell heraus dass die überwiegende Mehrzahl der Developer jung (unter 35), männlich und kinderlos ist, dass die wenigsten eine formale Ausbildung absolviert haben, dass sie sich überwiegend auf eigene Faust weiterbilden. Das heisst aber auch, dass die wenigsten Entwickler so etwas wie ethische Prinzipien oder auch nur Handwerksregeln ihres Berufes mitgekriegt haben. Kunststück, die Branche ist noch so jung, dass es so etwas wie Traditionen noch nicht gibt, höchstens in Ansätzen im Rahmen der Informatik-Studiengänge. Ich habe selbst während meiner Ausbildung zur Fachinformatikerin nie auch nur ein Sterbenswörtchen von so etwas wie Berufsethos gehört, und bedaure dies sehr.

Was man nicht vergessen darf: ein Großteil der programmierenden Zunft ist in Bereichen tätig, in denen es um Profit geht – man nehme nur einmal das Internet, diese furchteinflössende Marketingmaschine, als Beispiel. Und wo es um viel Geld geht, kippen ethische Prinzipien immer am schnellsten über Bord. Verkauft wird mit allen Mitteln, auch mit so unethischen wie Black Patterns und glatten Marketinglügen, aber ich will das hier gar nicht weiter vertiefen, sondern stattdessen eine Lanze für Ethik in der Programmierung brechen.

Das Computer Ethics Institute (CEI) in Washington ist nur eines von vielen Instituten, die sich Ethik in Development und Programmierung auf die Fahnen geschrieben haben. Ihr Motto ist es, einen moralischen Kompass für den Ozean der Informationstechnologie zur Verfügung zu stellen. In diesem Geiste haben die Experten des CEI die Zehn Gebote für Computer Ethik verfasst, die auch in viele Sprachen übersetzt wurden und international hohe Anerkennung finden. Ich zitiere hier die deutsche Fassung von http://computerethicsinstitute.org/german.html:

  1. Du sollst nicht Deinen Computer benutzen, um anderen Schaden zuzufügen.
  2. Du sollst nicht anderer Leute Arbeit am Computer behindern.
  3. Du sollst nicht in anderer Leute Files stöbern.
  4. Du sollst nicht den Computer zum Stehlen benutzen.
  5. Du sollst nicht den Computer benutzen, um falsches Zeugnis abzulegen.
  6. Du sollst nicht Software benutzen oder kopieren, für die Du nicht gezahlt hast.
  7. Du sollst nicht anderer Leute Ressourcen ohne deren Erlaubnis verwenden.
  8. Du sollst nicht anderer Leute geistig Werk als Deines ausgeben.
  9. Du sollst über die sozialen Konsequenzen Deiner Programme nachdenken.
  10. Du sollst den Computer so benutzen, daß Du Verantwortung und Respekt zeigst.

Dem habe ich nicht mehr viel hinzuzufügen, ausser: ich wünsche mir, dass sich diese 10 Gebote in die Wahrnehmungswelt der erfolgreichen, jungen, männlichen, kinderlosen Mehrheit der Entwickler besser durchsetzen, und dass es immer mehr werden, die auf keinen Fall Software zu unethischen Zwecken produzieren würden. Nicht nur klägliche nicht einmal 20 %.