{"id":1512,"date":"2018-11-16T14:55:08","date_gmt":"2018-11-16T13:55:08","guid":{"rendered":"http:\/\/evileu.de\/zum-schwarzen-pinguin\/?p=1512"},"modified":"2018-11-16T18:25:27","modified_gmt":"2018-11-16T17:25:27","slug":"was-ich-an-meinem-beruf-so-liebe-freiheit-und-kreativitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/evileu.de\/zum-schwarzen-pinguin\/2018\/11\/16\/was-ich-an-meinem-beruf-so-liebe-freiheit-und-kreativitaet\/","title":{"rendered":"Was ich an meinem Beruf so liebe: Freiheit und Kreativit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass Programmierung nur ein Job f\u00fcr verbiesterte T\u00fcftler, stubenhockerische Mathegenies und trockene Zahlenschubser ist. Nach fast 30 Jahren Berufserfahrung wei\u00df ich, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Programmierung hat viel mit Kreativit\u00e4t und einem sch\u00f6pferischen Prozess zu tun &#8211; und auch da bin ich Expertin, ich bin ja schlie\u00dflich auch K\u00fcnstlerin und male und gestalte seit meiner Kindheit schon mein ganzes Leben lang.<\/p>\n<p>Programmierung an einem guten Projekt startet mit einer leeren Seite im Code-Editor, das ist genauso gut wie eine leere, weisse Leinwand. Programmierung erfordert einen erheblichen Planungsaufwand, genau wie zum Beispiel ein Bildmotiv erstmal komponiert werden muss, wie man den Bildausschnitt festlegt, die notwendigen Details ermittelt und die Farb- und Lichtstimmung erarbeitet.<\/p>\n<p>Aber wenn man den Blueprint einmal hat, gehts los &#8211; und da kommt aber ganz gro\u00df die Kreativit\u00e4t und die Erfahrung zum Einsatz. Kunst muss man auch lernen, die unterschiedlichen malerischen und gestalterischen Techniken erfordern erhebliches Knowhow \u00fcber unterschiedliche Materialien und Verarbeitungsweisen. Schnelltrocknende Acrylfarben erfordern eine ganz andere Vorangehensweise als \u00d6lfarben, die tagelang zum Trocknen brauchen. Ein Visual Basic Programmerl in Excel oder Word l\u00f6st schnell mal ein Office-Problem, eine grosse Datenbankanwendung erfordert exakte Planung und passgenaue Detailarbeit.<\/p>\n<p>Wir waren bei der leeren, weissen Leinwand: das ist der Casus Knacktus, ein guter Programmierer erschafft ein funktionierendes Produkt aus dem Nichts. Ich rede hier nicht vom zusammenkleistern fertiger Codeschnipsel aus Programmbibliotheken (sch\u00f6ne Gr\u00fc\u00dfe an alle *.js Programmierer), ich rede von Software Engineering, nicht von der Zusammenklitterung endlosen\u00a0Codeeintopfs aus aus vorgefertigten Schnipseln, die buntgemischt in der\u00a0Br\u00fche schwimmen wie die Zutaten einer Hochzeitssuppe. Ich spreche von Software-Architektur, und die hat viel gemeinsam mit der kreativen Leistung des Architekten bei einem frei geplanten Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p>Man legt ein Fundament aus den Unternehmensdaten, oft ist dies eine schon vorhandene Datenbank, ein bestehendes ERP\/CRM-System. Darauf baut man die unterschiedlichen Module auf. Durch die T\u00fcr oder den Lieferanteneingang kommen neue Daten (Kundenstamm, Bestellungen, Auftr\u00e4ge&#8230;) herein, durch die Auftragsabwicklung werden Antwortschreiben generiert und Gesch\u00e4ftsprozesse angestossen, die das ganze Unternehmen \u00fcber die Auftragserfassung- und Abwicklung bis hin zur Produktion abbilden. Schliesslich gehts zur Warenausgabe an den Kunden, hier werden die fertigen Produkte oder Dienstleistungen ihrem Empf\u00e4nger zugeteilt. Am Ende baut man noch einen Qualit\u00e4tssicherungsmechanismus, eine Reklamationsbearbeitung und die evtl. n\u00f6tige Nachbesserung nach Kundenw\u00fcnschen mit ein, und so hat man am Ende eine ganze Fabrik dastehen, die die Gesch\u00e4ftsprozesse eines Unternehmens nicht nur abbildet, sondern verantwortlich tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Das, liebe Leser, ist Softwarearchitektur, und nicht nur Code-Erzeugung. Es ist auch komplett unabh\u00e4ngig von den verwendeten Programmiersprachen und sonstigen Hilfsmitteln wie Frameworks und Programmbibliotheken. Und was heutzutage sehr oft \u00fcbersehen wird: es l\u00e4\u00dft sich nicht alles auf einer Internetseite abbilden.<\/p>\n<p>Der eigene Webauftritt mutiert heutzutage oft zum Selbstzweck und soll eine eierlegende Wollmilchsau werden, in die Planung einer neuen Webseite wird oft viel zuviel von den lebensnotwendigen Unternehmensabl\u00e4ufen mit hineingepfropft. Es mag zwar in vielen F\u00e4llen akzeptabel sein, f\u00fcr die Mitarbeiter Intranetl\u00f6sungen f\u00fcr die t\u00e4gliche Arbeit bereitzustellen, aber wesentlich \u00f6fter wird es angebracht sein, Standalone-L\u00f6sungen auf der Datenbank und mit den eingesetzten Office-Produkten zu realisieren.<\/p>\n<p>Das wird heutzutage gern bel\u00e4chelt, Visual Basic zum Beispiel wird gerne als &#8222;Programmiersprache f\u00fcr arme Bastler&#8220; abgetan, und ein Excel- oder Wordmakro als handgestrickter Popelkram bel\u00e4chelt. Da ist wieder Umdenken angesagt, gerade die &#8222;kleinen&#8220; Office-L\u00f6sungen sind es, die den Mitarbeitern wirklich das Leben leichter machen. Sei es die Serienbrieffunktion f\u00fcr die Sekret\u00e4rin, der ODBC-Zugriff auf die Datenbank mit Excel f\u00fcr den Controller, der damit seine Berichte erstellt, oder die Unternehmenskennzahlen, Ums\u00e4tze, R\u00fcckl\u00e4ufe uvm. f\u00fcr die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung, die danach ihre Business-Entscheidungen trifft. Ein Software-Architekt ber\u00fccksichtigt alle diese unterschiedlichen Bed\u00fcrfnisse, und baut das Haus und seine Module entsprechend der tats\u00e4chlichen Anforderungen.<\/p>\n<p>Hier ist Raum f\u00fcr gro\u00dfe Pl\u00e4ne und freie sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit sowie f\u00fcr echte Kreativit\u00e4t, und hier ist auch Raum f\u00fcr die Akzeptanz der Mitarbeiter des Unternehmens, deren Feedback f\u00fcr den Softwarearchitekten dasselbe ist wie Applaus und gute Kritiken f\u00fcr einen K\u00fcnstler. Ein erfolgreicher Usability Test ist wie eine gelungene Konzertpremiere, und ein gelungenes User Interface gleicht sehr einem durchdacht komponierten Gem\u00e4lde, das beim Publikum gut ankommt.<\/p>\n<p>Ich werde oft darauf angesprochen, wie ich meine zwei Berufe als Programmiererin und als K\u00fcnstlerin unter einen Hut bringe. Das ist ganz einfach: es gibt so viele Parallelen, der kreative Schaffensprozess ist in beiden Fachgebieten vorhanden, und meine Liebe zum Detail und die geradlinig logische Denke kommt bei mir in beiden Berufen gleich gut zum Zug. Programming is like Poetry, hei\u00dft es oft, und obwohl ich jetzt nicht gerade gereimte Codezeilen verfasse, finde ich doch Gefallen an wohlstrukturierten\u00a0Programmen und einer sauber durchkomponierten Software.<\/p>\n<p>Deswegen: gute Programmierung oder besser gesagt gutes Software Engineering ist f\u00fcr mich eine Kunstform, und nicht zuletzt: sie kann auch unheimlich Spa\u00df machen. Deswegen liebe ich meinen Beruf, und bin auch nach 30 Jahren im Gesch\u00e4ft immer noch fasziniert und positiv angesprochen von den vielf\u00e4ltigen Herausforderungen, die einem anspruchsvolle Softwareprojekte bieten. Ich bin eine alte Programmiererin, und soweit ich es absehe, werde ich mit den Jahren auch noch eine uralte Programmiererin werden, weil ich nicht daran denke mit der nahenden Rente auch meinen Beruf aufzugeben. Ich werde noch bis ins hohe Alter an Softwareprojekten mitmischen, und meinen Spa\u00df daran haben!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass Programmierung nur ein Job f\u00fcr verbiesterte T\u00fcftler, stubenhockerische Mathegenies und trockene Zahlenschubser ist. Nach fast 30 Jahren Berufserfahrung wei\u00df ich, dass genau das Gegenteil der Fall ist. 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