{"id":90,"date":"2018-11-19T07:51:35","date_gmt":"2018-11-19T06:51:35","guid":{"rendered":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/?p=90"},"modified":"2018-11-19T08:07:43","modified_gmt":"2018-11-19T07:07:43","slug":"die-tafeln-wie-buerger-zu-bettlern-gemacht-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/2018\/11\/19\/die-tafeln-wie-buerger-zu-bettlern-gemacht-werden\/","title":{"rendered":"Die Tafeln: wie B\u00fcrger zu Bettlern gemacht werden"},"content":{"rendered":"<p>Am Anfang stand eine gute Idee. In unser\u00ader Gesellschaft wer\u00adden t\u00e4glich Tausende und Mil\u00adlio\u00adnen von Ton\u00adnen Lebens\u00admit\u00adtel weggeschmis\u00adsen, die noch per\u00adfekt zum men\u00adschlichen Verzehr geeignet w\u00e4ren. Von den L\u00e4den und Super\u00adm\u00e4rk\u00adten, wenn das Mhd in K\u00fcrze abl\u00e4uft. Von den Kneipen und Restau\u00adrants, was die K\u00fcche an dem Abend nicht ver\u00adw\u00aderten kon\u00adnte. Von Par\u00adties und Ver\u00adanstal\u00adtun\u00adgen, was die G\u00e4ste nicht gegessen haben.<\/p>\n<p>Diese \u00fcbrigge\u00adbliebe\u00adnen Lebens\u00admit\u00adtel, so die Idee, k\u00f6n\u00adnte man doch ein\u00adsam\u00admeln und an Bed\u00fcrftige verteilen, an Obdachlose, HarzIVler, an Asy\u00adlanten und Soziel\u00adhil\u00adfeempf\u00e4nger. Und so wur\u00adden die Tafeln ins Leben gerufen, gemein\u00adn\u00fctzige Organ\u00adistaio\u00adnen, die die Lebens\u00admit\u00adtel ein\u00adsam\u00admelten und an Bed\u00fcrftige umson\u00adst oder gegen geringes Ent\u00adgelt weit\u00ader\u00adgaben. N\u00e4heres kann man hier bei Wiki nach\u00adle\u00adsen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tafel_(Organisation)\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tafel_(Organisation)<\/a><\/p>\n<p>Eine prinzip\u00adiell sehr gute Idee, und mir schon von dem her sym\u00adpa\u00adthisch, weil ich dazu erzo\u00adgen wor\u00adden bin, keine Lebens\u00admit\u00adtel wegzuschmeis\u00adsen, die noch ess\u00adbar w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Aber in der Durch\u00adf\u00fchrung der an sich guten Idee krankt es, und zwar ganz schw\u00ader. Die Tr\u00e4ger der \u00f6rtlichen Tafeln sind meist gemein\u00adn\u00fctzige Organ\u00adi\u00adsa\u00adtio\u00adnen, die mit ehre\u00adnamtlichen Helfern arbeit\u00aden. Das bedeutet unter anderem, dass die aus\u00adgeben\u00adden Per\u00adso\u00adn\u00aden nicht sozialp\u00e4d\u00ada\u00adgogisch oder sonst\u00adwie aus\u00adge\u00adbildet sind, und dass die Organ\u00adi\u00adsa\u00adtion gelinde gesagt oft st\u00fcm\u00adper\u00adhaft ist. Lange Wartezeit\u00aden sind an der Tage\u00adsor\u00add\u00adnung, oft dauert es eine Stunde und l\u00e4nger nach dem geset\u00adzten Ter\u00admin, bis die Lebens\u00admit\u00adte\u00adlaus\u00adgabe tat\u00ads\u00e4ch\u00adlich begin\u00adnt, und dann ste\u00adht man da und kann nicht weg und ste\u00adht sich die F\u00fc\u00dfe in den Bauch. Unter freiem Him\u00admel, bei jedem Wet\u00adter, bei 30 Grad im Schat\u00adten und bei 10 Grad minus und Schneesturm. Es hil\u00adft nichts, bei der Tafel ist warten ange\u00adsagt, wer Lebens\u00admit\u00adtel bekom\u00admen will, braucht extrem viel Geduld.<\/p>\n<p>Wenn die Aus\u00adgabe dann endlich begin\u00adnt, geht sie oft schlep\u00adpend voran, weil die ehre\u00adnamtlichen Helfer ganz unter\u00adschiedlich schnell arbeit\u00aden, und manche von ihnen sich sehr viel Zeit lassen und meinen, sie m\u00fcssten ihre Kund\u00adschaft mit Kon\u00adver\u00adsa\u00adtion begl\u00fcck\u00aden. Dann kommt es zu Staus an den betr\u00ade\u00adf\u00adfend\u00aden Sta\u00adtio\u00adnen, und es geht wieder mal nichts weit\u00ader. Ausser\u00addem kom\u00admen jet\u00adzt auch noch die Nachz\u00fc\u00adgler, diejeni\u00adgen die erst Stun\u00adden nach dem ange\u00adset\u00adzten Ter\u00admin erscheinen, und diese wer\u00adden je nach Organ\u00adi\u00adsa\u00adtion entwed\u00ader nach hin\u00adten ans Ende der Schlange geschickt, oder schlimm\u00adsten\u00adfalls noch vor denen ein\u00adgerei\u00adht, die p\u00fcnk\u00adtlich da waren. Das verur\u00adsacht sehr oft Unmut und sog\u00adar offe\u00adnen Stre\u00adit unter den Wartenden, und das kann man auch ver\u00adste\u00adhen.<\/p>\n<p>An der ersten Sta\u00adtion, am K\u00fchlwa\u00adgen, geht es oft etwas flot\u00adter voran, weil hier gerne j\u00fcn\u00adgere Helfer einge\u00adset\u00adzt wer\u00adden, denen die K\u00e4lte im Wagen nicht so viel aus\u00admacht. Die sind dann aber oft der\u00admassen von der flot\u00adten Truppe, dass sie dir die Lebens\u00admit\u00adtel schneller in die Tasche schmeis\u00adsen als du \u201cja bitte\u201d oder \u201cnein danke\u201d sagen kannst, ohne R\u00fcck\u00adsicht darauf ob etwa Joghurt\u00adbech\u00ader einge\u00addr\u00fcckt oder frische Eier zer\u00adquetscht wer\u00adden. Ausser\u00addem gibt es am K\u00fchlwa\u00adgen viele Lebens\u00admit\u00adtel oft nur in Riesen\u00admen\u00adgen: Leberk\u00e4se und Wurst in Kilo\u00adpack\u00adun\u00adgen, Feinkost\u00adsalate in Eimern, Pommes in Gro\u00dfver\u00adbraucherge\u00adbinden. Ganz davon abge\u00adse\u00adhen dass das f\u00fcr eine Einzelper\u00adson zu schw\u00ader zum schlep\u00adpen ist, was soll ein ein- oder zwei Per\u00adso\u00adn\u00aden\u00adhaushalt mit der\u00adar\u00adti\u00adgen Men\u00adgen?&nbsp; Kann man das nicht vorher in haushalts\u00adgerechtere Por\u00adtio\u00adnen aufteilen, so dass nicht nur die Gro\u00df\u00adfam\u00adi\u00adlien etwas davon haben?<\/p>\n<p>An der n\u00e4ch\u00adsten Sta\u00adtion gibt es Kartof\u00adfeln, und die waren bei unser\u00ader Tafel immer das Beste. Erstens von her\u00advor\u00adra\u00adgen\u00adder Qual\u00adit\u00e4t von einem Bauern aus dem Dachauer Hin\u00adter\u00adland, und zweit\u00adens war der Kartof\u00adfel\u00admann so super, der hat\u00adte seine Aus\u00adgabe per\u00adfekt im Griff. \u201cWieviele Kartof\u00adferl wollen\u2019s denn? Gro\u00dfe oder kleine oder gemis\u00adcht?\u201d Da bekam man genau das, was man auch haben mochte, und fre\u00adundlich war der Kartof\u00adfel\u00admann oben\u00addrein. Weniger sch\u00f6n waren an der gle\u00adichen Sta\u00adtion die Karot\u00adten: das war immer Bruch\u00adware, und oft schon angeschim\u00admelt oder schwarz ver\u00adf\u00e4rbt, das h\u00e4tte noch nicht ein\u00admal mehr als Viehfut\u00adter getaugt.<\/p>\n<p>Das ist \u00fcber\u00adhaupt ein Riesen\u00adthe\u00adma bei den Tafeln: es liegt an den Organ\u00adisatoren, die Lebens\u00admit\u00adtel auszu\u00adsortieren, die defin\u00adi\u00adtiv nicht mehr zum Verzehr geeignet sind. Meis\u00adtens tun sie das nicht gr\u00fcndlich genug. Matschiger Salat, ange\u00adfaulte Gem\u00fcse, angeschim\u00admelte Erd\u00adbeeren, gelb ver\u00adwelk\u00adter Broc\u00adcoli und schmierige Champignons, der\u00adar\u00adtig unap\u00adpeti\u00adtliche Ware ist lei\u00adder oft an der Tage\u00adsor\u00add\u00adnung. Oft sieht man bei ver\u00adpack\u00adten Gem\u00fcsen die Verderb\u00adnis erst, wenn man sie zuhause aus\u00adpackt: da hil\u00adft dann nur noch rig\u00adoros wegschmeis\u00adsen.<\/p>\n<p>Wenn man sich weigert, angegam\u00admeltes Obst und Gem\u00fcse einzu\u00adpack\u00aden, kriegt man dann schon mal so herzige Spr\u00fcche zu h\u00f6ren wie \u201cBei der Tafel darf man nicht w\u00e4h\u00adlerisch sein!\u201d oder \u201cWir gehen f\u00fcr sie bet\u00adteln, jet\u00adzt nehmens das mit, son\u00adst gibt es gar nichts mehr!\u201d Toll, nicht wahr?<\/p>\n<p>Beson\u00adders unap\u00adpeti\u00adtlich fand ich auch immer die Art und Weise, wie mit dem frischen Brot umge\u00adgan\u00adgen wurde. Das lag durcheinan\u00adder offen und unver\u00adpackt in grossen Grabbelka\u00adr\u00adtons, jed\u00ader tatschte daran herum, und wer wei\u00df was hier unter freiem Him\u00admel an Insek\u00adten und Vogelscheisse schon auf dem Brot gelandet war. Mir hats da so gegraust, dass ich nie offen liegen\u00addes Brot mitgenom\u00admen habe, h\u00f6ch\u00adstens gut ver\u00adpack\u00adte Ware, wenn es die denn mal gab.<\/p>\n<p>Die ganze Aktion dauert im Schnitt mit den lan\u00adgen Wartezeit\u00aden sowas wie 2\u20133 Stun\u00adden, wenn es Quere\u00adlen oder Unregelm\u00e4\u00dfigkeit\u00aden gibt, auch schon mal l\u00e4nger. Und wenn man da so bei jedem Wet\u00adter stun\u00adden\u00adlang in der Schlange ste\u00adht, kom\u00admen einem schon die einen oder anderen Gedanken, dass man sich hier die Wohlt\u00e4tigkeit sauer ver\u00addi\u00adenen muss. Auch ein Sozial\u00adhil\u00adfeempf\u00e4nger hat seine Zeit nicht gestohlen.<\/p>\n<p>Sowas l\u00e4\u00dft sich auch anderes organ\u00adisieren. Ich habe von Tafeln geh\u00f6rt, die eigene Aus\u00adgaber\u00e4um\u00adlichkeit\u00aden mit Waren\u00adre\u00adgalen und K\u00fchltheken unter\u00adhal\u00adten, wo man hinge\u00adhen kann wie in einen Kau\u00adfladen, sich die Ware die man haben m\u00f6chte selb\u00adst aus\u00adsuchen kann und nicht stun\u00adden\u00adlang in ein\u00ader Warteschlange ste\u00adht. Da wird man dann auch nicht gezwun\u00adgen, allen m\u00f6glichen bere\u00adits ver\u00addor\u00adbe\u00adnen Ram\u00adsch mitzunehmen, son\u00addern kann frei w\u00e4hlen was einem appeti\u00adtlich und gut ver\u00adw\u00adert\u00adbar erscheint.<\/p>\n<p>Den Fehler machen die Tafelmi\u00adtar\u00adbeit\u00ader n\u00e4m\u00adlich auch gern, dass sie einem viel zu viel ein\u00adpack\u00aden, weil sie von irgen\u00addein\u00ader Ware jet\u00adzt ger\u00adade die Menge da haben. Dabei m\u00fcsste ihnen klar sein, dass die meis\u00adten Tafelk\u00adlien\u00adten die Lebens\u00admit\u00adtel zu Fu\u00df oder besten\u00adfalls im Trol\u00adley oder Kinder\u00adwa\u00adgen heim\u00adschlep\u00adpen m\u00fcssen, und kein\u00ader ein Auto hat, wo man die Waren\u00admen\u00adgen ein\u00adfach in den Kof\u00adfer\u00adraum steck\u00aden k\u00f6n\u00adnte.<\/p>\n<p>Wie ich ein\u00adgangs sagte, ich halte die Grun\u00addidee der Tafeln f\u00fcr gut und ehren\u00adwert. Aber an der Durch\u00adf\u00fchrung man\u00adgelt es ganz f\u00fcrchter\u00adlich. Man wird oft wie ein Bet\u00adtler behan\u00addelt, und dann f\u00fchlt man sich auch so. F\u00fcr viele Teil\u00adnehmer ist die Tafel eine w\u00f6chentliche psy\u00adchis\u00adche Belas\u00adtung, die sie nur in Kauf nehmen, weil sie auf die kosten\u00adlosen Lebens\u00admit\u00adtel angewiesen sind. Noch jed\u00ader den ich kenne war froh, wenn es ihm wirtschaftlich wieder bess\u00ader ging und er nicht mehr zur Tafel gehen musste. Das, liebe Leser, soll mein Schluss\u00adwort sein. Macht die Tafelk\u00adlien\u00adten bitte nicht zu B\u00fcrg\u00adern zweit\u00ader Klasse. Sie haben Achtung und anst\u00e4ndi\u00adge Behand\u00adlung ver\u00addi\u00adent. Sie sind keine Bet\u00adtler.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Anfang stand eine gute Idee. In unser\u00ader Gesellschaft wer\u00adden t\u00e4glich Tausende und Mil\u00adlio\u00adnen von Ton\u00adnen Lebens\u00admit\u00adtel weggeschmis\u00adsen, die noch per\u00adfekt zum men\u00adschlichen Verzehr geeignet w\u00e4ren. Von den L\u00e4den und Super\u00adm\u00e4rk\u00adten, wenn das Mhd in K\u00fcrze abl\u00e4uft. 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