{"id":234,"date":"2019-08-22T19:06:07","date_gmt":"2019-08-22T17:06:07","guid":{"rendered":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/?p=234"},"modified":"2019-08-22T19:06:07","modified_gmt":"2019-08-22T17:06:07","slug":"dolce-far-niente-muss-man-auch-erstmal-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/2019\/08\/22\/dolce-far-niente-muss-man-auch-erstmal-koennen\/","title":{"rendered":"Dolce far niente muss man auch erstmal k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe einen grossen Teil mein\u00ader Teenagerzeit in Ital\u00adien ver\u00adbracht, da hat\u00adte ich ein\u00adfach unver\u00adsch\u00e4mt Gl\u00fcck und bin in einem Sch\u00fcler\u00adaus\u00adtausch\u00adpro\u00adgramm der St\u00e4dte M\u00fcnchen und Verona zu ein\u00ader Fam\u00adi\u00adlie gekom\u00admen, mit der ich mich her\u00advor\u00adra\u00adgend ver\u00adstanden habe, beson\u00adders mit der Mam\u00adma, der wun\u00adder\u00adbaren Sig\u00adno\u00adra Fani\u00adni. Die Fam\u00adi\u00adlie besass einen grossen Gut\u00adshof und aus\u00adgedehnte L\u00e4n\u00addereien, auf denen vor allen Din\u00adgen Obst ange\u00adbaut wurde. Ich ver\u00adbrachte w\u00e4hrend mein\u00ader Gym\u00adnasialzeit alle Som\u00admer\u00adfe\u00adrien bei den Fani\u00adnis, und verin\u00adner\u00adlichte dort nicht nur die Sprache und die Kochkun\u00adst, son\u00addern auch die ital\u00adienis\u00adche Leben\u00adsart. Die Fani\u00adnis waren wohlhabend, aber sie waren auch fleis\u00adsig. Die Plan\u00adta\u00adgen erforderten das ganze Jahr lang viel und harte Arbeit, und nicht nur die Lohnar\u00adbeit\u00ader langten kr\u00e4ftig hin, auch die Fam\u00adi\u00adlie schaffte nach Kr\u00e4ften in der Land\u00adwirtschaft mit. Das ging w\u00e4hrend der Sai\u00adson bei Son\u00adnenauf\u00adgang los, sp\u00e4testens um f\u00fcnf traf man sich in der K\u00fcche auf einen Espres\u00adso, und dann ging es raus auf die Felder.<\/p>\n<p>Sig\u00adno\u00adra Fani\u00adni kochte jeden Tag ein w\u00e4hrschaftes Mit\u00adtagessen f\u00fcr alle, die auf dem Gut\u00adshof arbeit\u00adeten, und es sassen p\u00fcnk\u00adtlich um Zw\u00f6lf die ganze Fam\u00adi\u00adlie und alle Arbeit\u00ader an der lan\u00adgen Tafel in der herrschaftlichen Vil\u00adla. Da wurde gemein\u00adsam geschlemmt, denn die Sig\u00adno\u00adra war eine fan\u00adtastis\u00adche K\u00f6chin. Und nach dem Essen wurde geruht, im Som\u00admer bis die gr\u00f6sste Tageshitze vor\u00adbei war, also min\u00addestens bis um vier Uhr. Daf\u00fcr zog sich jede und jed\u00ader in sein Schlafz\u00adim\u00admer zur\u00fcck, hin\u00adter ver\u00adschlossene Fen\u00adster\u00adl\u00e4\u00adden, die die gr\u00f6sste Hitze abhiel\u00adten. Erst gegen fr\u00fchen Abend kamen alle wieder her\u00adaus, und dann gab es nochmal einen frischen Espres\u00adso oder auch gle\u00adich einen Caf\u00adf\u00e9 cor\u00adret\u00adto (Espres\u00adso mit einem Schu\u00df Grap\u00adpa) f\u00fcr die Manns\u00adbilder. Danach ging es nochmal auf die Plan\u00adta\u00adgen, aber eigentlich wur\u00adden jet\u00adzt nur noch abschliessende Arbeit\u00aden geleis\u00adtet, bere\u00adits gepack\u00adte Obst\u00adsteigen einge\u00adsam\u00admelt, gej\u00e4tetes Unkraut weggekar\u00adrt, die Bew\u00e4sserung f\u00fcr den Abend eingestellt. Dann wurde die heutige Ernte noch zum Grossh\u00e4ndler gefahren, das war die wichtig\u00adste Arbeit zum Tagesab\u00adschluss. Da wurde es dann schon sieben, acht Uhr und sp\u00e4ter, ehe man Feier\u00adabend machen kon\u00adnte.<\/p>\n<p>Den Feier\u00adabend ver\u00adbracht\u00aden die Arbeit\u00ader und die M\u00e4n\u00adner der Fam\u00adi\u00adlie mit gross\u00ader Begeis\u00adterung auf der Piaz\u00adza des kleinen Ortes, da gab es eine Sports\u00adbar und eine Trat\u00adto\u00adria und ein Eis\u00adcafe. Man ass ein Sand\u00adwich und trank un Bic\u00adchiere di Vino oder auch una Bir\u00adra Grande dazu, viel Hunger hat\u00adte kein\u00ader, weil Mit\u00adtags so geschlemmt wor\u00adden war. Wenn man ein Glas getrunk\u00aden und einen kleinen Imbiss gegessen hat\u00adte, \u00fcbte man sich in der typ\u00adisch ital\u00adienis\u00adchen Abendbesch\u00e4f\u00adti\u00adgung, die das Leben jed\u00ader Piaz\u00adza Cen\u00adtrale ist: \u201cfare la passegia\u00adta\u201d. Man spaziert, rund um die Piaz\u00adza, man sieht wer son\u00adst noch aller da ist und gr\u00fc\u00dft sich mit aus\u00adge\u00adsuchter H\u00f6flichkeit, man bleibt am Cafe oder an der Bar auf ein Schw\u00e4tzchen ste\u00adhen, man zieht sich f\u00fcr per\u00ads\u00f6n\u00adliche Gespr\u00e4che mit Fre\u00adun\u00adden auf eine Bank unter den Pla\u00adta\u00adnen zur\u00fcck.&nbsp; Man disku\u00adtiert das Tages\u00adgeschehen und was heute in der \u00f6rtlichen Zeitung stand, man unter\u00adh\u00e4lt sich \u00fcber den Stand der Land\u00adwirtschaft und \u00fcber die Obst\u00adpreise, der B\u00fcrg\u00ader\u00admeis\u00adter informiert aus erster Hand \u00fcber die Lokalpoli\u00adtik, und der Herr Pfar\u00adrer tut das selbe aus Sicht der katholis\u00adchen Kirche \u2014 sp\u00e4testens jet\u00adzt m\u00fcssten Ihnen die wun\u00adder\u00adbaren alten Don-Camil\u00adlo-Filme in den Sinn kom\u00admen. So l\u00e4uft \u2014 oder lief \u2014 der Feier\u00adabend in einem kleinen Land\u00adst\u00e4dtchen in Ober\u00adi\u00adtal\u00adien, alle trafen sich auf der Piaz\u00adza, und es wurde gere\u00addet, gelacht und schon auch mal gestrit\u00adten, aber auch wieder ver\u00ads\u00f6h\u00adnt. Bis etwa gegen Mit\u00adter\u00adnacht, dann wurde es h\u00f6ch\u00adste Zeit heim und ins Bett zu gehen, denn am n\u00e4ch\u00adsten Mor\u00adgen ging es wieder bei Son\u00adnenauf\u00adgang raus.<\/p>\n<p>Beson\u00adders w\u00e4hrend der Obst\u00adsai\u00adson wurde auf der Plan\u00adtage wirk\u00adlich lang und hart gear\u00adbeit\u00adet, aber es wurde auch darauf geachtet, dass man Zeit zur Erhol\u00adung fand. Die aus\u00adgedehnte Sies\u00adta nach dem gemein\u00adsamen Mit\u00adtagessen glich den kurzen Nachtschlaf aus, und fare la Passegia\u00adta am Abend deck\u00adte die Bed\u00fcrfnisse nach Kom\u00admu\u00adnika\u00adtion und das Zusam\u00admenge\u00adh\u00f6rigkeits\u00adge\u00adf\u00fchl im St\u00e4dtchen ab. Das ist jet\u00adzt vierzig Jahre her, ich weiss nicht ob der Leben\u00adsrhyth\u00admus im l\u00e4ndlichen Ober\u00adi\u00adtal\u00adien noch den alten, bew\u00e4hrten Mustern fol\u00adgt. Aber ich erin\u00adnere mich gut daran, dass die Men\u00adschen in San Gio\u00advan\u00adni Lupa\u00adto\u00adto (so hiess das St\u00e4dtchen) durch die Bank fre\u00adundlich, h\u00f6flich und aus\u00adgeglichen waren. Work-Life-Bal\u00adance heisst das Geheim\u00adnis dieser Aus\u00adgeglichen\u00adheit auf Neudeutsch, und in unser\u00ader schnel\u00adllebi\u00adgen Leis\u00adtungs\u00adge\u00adsellschaft find\u00adet man sie sel\u00adten. Im Land\u00adst\u00e4dtchen San Gio\u00advan\u00adni bei Verona war sie ein Teil der Leben\u00adsart, und ich hat\u00adte wirk\u00adlich aus\u00adge\u00adsprochen gross\u00ades Gl\u00fcck, daran teilzuhaben. Wer weiss, w\u00e4re ich ein paar Jahre \u00e4lter gewe\u00adsen, h\u00e4tte ich vielle\u00adicht einen passenden jun\u00adgen Mann aus dem St\u00e4dtchen ken\u00adnen\u00adgel\u00adernt \u2014 die Passegia\u00adta ist auch ein Heirats\u00admarkt \u2014 und w\u00e4re dort geblieben, wo die Uhren anders gehen und die Leben\u00adszeit&nbsp;bek\u00f6mm\u00adlich\u00ader eingeteilt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe einen grossen Teil mein\u00ader Teenagerzeit in Ital\u00adien ver\u00adbracht, da hat\u00adte ich ein\u00adfach unver\u00adsch\u00e4mt Gl\u00fcck und bin in einem Sch\u00fcler\u00adaus\u00adtausch\u00adpro\u00adgramm der St\u00e4dte M\u00fcnchen und Verona zu ein\u00ader Fam\u00adi\u00adlie gekom\u00admen, mit der ich mich her\u00advor\u00adra\u00adgend ver\u00adstanden habe, beson\u00adders mit der \u2026 <a href=\"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/2019\/08\/22\/dolce-far-niente-muss-man-auch-erstmal-koennen\/\">Weit\u00ader\u00adlesen <span class=\"meta-nav\">\u2192<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"wp_typography_post_enhancements_disabled":false},"categories":[19,6,18],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/234"}],"collection":[{"href":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=234"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/234\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":237,"href":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/234\/revisions\/237"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=234"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=234"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=234"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}