{"id":144,"date":"2018-12-08T17:47:23","date_gmt":"2018-12-08T16:47:23","guid":{"rendered":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/?p=144"},"modified":"2018-12-08T17:47:23","modified_gmt":"2018-12-08T16:47:23","slug":"lust-und-frust-oder-warum-gehen-sie-einkaufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/evileu.de\/praxis-dr-inselfisch\/2018\/12\/08\/lust-und-frust-oder-warum-gehen-sie-einkaufen\/","title":{"rendered":"Lust und Frust \u2014 oder warum gehen sie einkaufen?"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe ger\u00adade einen sehr amerikanis\u00adchen Artikel \u00fcber die Psy\u00adcholo\u00adgie des Verkaufens gele\u00adsen, der pos\u00adtuliert dass die Leute haupt\u00ads\u00e4ch\u00adlich aus zwei Gr\u00fcn\u00adden einkaufen: ein\u00admal zum Vergn\u00fc\u00adgen, und zum anderen um Schmerz loszuw\u00ader\u00adden. Zum Vergn\u00fc\u00adgen zum Beispiel eine 100 $ teure Flasche Wein, und um den Katerkopf\u00adschmerz loszuw\u00ader\u00adden, am n\u00e4ch\u00adsten Tag eine Pack\u00adung Kopf\u00adschmerztablet\u00adten. Einen s\u00fcnd\u00adteuren roten Sport\u00adwa\u00adgen zum Vergn\u00fc\u00adgen, und den Kinder\u00adsitz dazu um Schmerzen zu ver\u00adhin\u00addern. Einen teuren Urlaub zum Vergn\u00fc\u00adgen, ein Haar\u00adwuchsmit\u00adtel um den Ver\u00adlustschmerz bei Haa\u00adraus\u00adfall zu ver\u00admei\u00adden.<\/p>\n<p>Das fand ich dann doch ein biss\u00adchen \u00fcber\u00adsim\u00adpli\u00adfiziert, aber so sind die Amis mein\u00ader Erfahrung nach oft. Man kann sowas auch als Frust- und Lustk\u00e4ufe klas\u00adsi\u00adfizieren, und bei\u00addes, so finde ich zumin\u00add\u00adest, ist ein bi\u00dfchen ungut. Es l\u00e4uft n\u00e4m\u00adlich immer darauf hin\u00adaus, dass man Geld f\u00fcr etwas aus\u00adgibt, was man nicht wirk\u00adlich braucht \u2014 aber dahin wollen uns die Mar\u00adket\u00adingstrate\u00adgen ja genau lock\u00aden, sie wollen an das Cash in unseren Taschen, und dazu ist ihnen jedes Mit\u00adtel recht. Liebeskum\u00admer bek\u00e4mpft man mit einem oder bess\u00ader gle\u00adich mehreren Paaren neuer Schuhe, der Frust im Job l\u00e4\u00dft sich nach Feier\u00adabend mit einem Raubzug durch die Bou\u00adtiquen bek\u00e4mpfen, gegen Ein\u00adsamkeit hil\u00adft eine Fam\u00adi\u00adlien\u00adpack\u00adung Eiskrem oder Schoko\u00adlade, und bei Min\u00adder\u00adw\u00ader\u00adtigkeits\u00adge\u00adf\u00fchlen darf es gern ein PS-starkes v\u00f6l\u00adlig \u00fcber\u00adteuertes Kraft\u00adfahrzeug sein. So sug\u00adgerieren uns die all\u00adge\u00adwalti\u00adgen Sales- und Mar\u00adket\u00ading\u00adgu\u00adrus, dieses Cre\u00addo kriegt man mit jedem Werbespot um die Ohren, in mas\u00adsiv\u00ader und \u2014 f\u00fcr mich zumin\u00add\u00adest \u2014 schon direkt abschreck\u00adender Art und Weise. Ob Wer\u00adbung im TV oder Inter\u00adnet, in den Print\u00adme\u00addi\u00aden oder auf der Strasse, \u00fcber\u00adall wird uns einget\u00adrichtert dass wir gl\u00fcck\u00adlichere Men\u00adschen sein wer\u00adden, wenn wir nur *egal was * kaufen, und zwar m\u00f6glichst sofort.<\/p>\n<p>Ja hal\u00adlo, gehts noch? Was ist aus den ganz nor\u00admalen Eink\u00e4ufen des t\u00e4glichen Bedarfs gewor\u00adden, gibt es sowas heute \u00fcber\u00adhaupt noch? Fr\u00fcher, und ich meine wirk\u00adlich fr\u00fcher, in der Gen\u00ader\u00ada\u00adtion mein\u00ader Oma, ging man jeden Tag zum B\u00e4ck\u00ader, zum Milch\u00adladen und zum Met\u00adzger und holte nur das, was am sel\u00adben Tag auch ver\u00adbraucht bzw. aufgegessen wurde. Man hat\u00adte n\u00e4m\u00adlich noch keinen K\u00fchlschrank, erst recht keinen Gefrier\u00ader, und die leicht verderblichen Lebens\u00admit\u00adtel wur\u00adden jeden Tag frisch geholt, damit sie nicht ver\u00addar\u00adben. Eine gute Haus\u00adfrau beherrschte auch die Kun\u00adst des recht\u00aden Mass\u00ades, sie kochte genau so viel dass alle satt wur\u00adden, aber keine Reste \u00fcbrig blieben \u2014 es gab n\u00e4m\u00adlich wirk\u00adlich keinen K\u00fchlschrank, son\u00addern besten\u00adfalls eine leicht tem\u00adperierte Speisekam\u00admer oder den k\u00fch\u00adleren Keller, und Essen\u00adsreste mussten schnell weg, ehe sie vergam\u00admelten. Da schaute man lieber, dass gle\u00adich nichts \u00fcbrig blieb. Unsere Omas liessen sich auch nicht von Son\u00adderange\u00adboten und Wer\u00adbeartikeln ver\u00adlock\u00aden, die kauften nur was sie wirk\u00adlich braucht\u00aden, und liessen alles andere im Laden liegen.<\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich mit den Wirtschaftswun\u00adder\u00adjahren und der Gen\u00ader\u00ada\u00adtion mein\u00ader Mama, man hat\u00adte mehr Geld, man hat\u00adte eine mod\u00aderne K\u00fcche mit K\u00fchl- und Gefrier\u00adschrank, man kon\u00adnte auf Vor\u00adrat einkaufen \u2014 und musste das auch tun, denn man musste auch viel arbeit\u00aden und hat\u00adte nicht mehr die Zeit, jeden Tag die Runde zum B\u00e4ck\u00ader, zum Milch\u00adladen und zum Met\u00adzger zu machen. Also wurde am Sam\u00adstag mit dem Pas\u00adsat Kom\u00adbi zum Suma oder Wertkauf gefahren, und der Kof\u00adfer\u00adraum voll\u00adge\u00adladen mit Waren, die dann die ganze Woche reichen mussten. Das war ganz sich\u00ader auch eine Art von Luxus, meine Mama hat es geliebt, dass sie gle\u00adich zehn Pack\u00aderln Kaf\u00adfee mit\u00adnehmen kon\u00adnte, und Nudeln und Mehl und Zuck\u00ader in Fam\u00adi\u00adlien-Gro\u00df\u00adpack\u00adun\u00adgen. Die Vor\u00adr\u00e4te wur\u00adden dann zuhause s\u00e4u\u00adber\u00adlich ver\u00adstaut, und man kon\u00adnte die ganze Woche aus dem Vollen sch\u00f6pfen. Allerd\u00adings gin\u00adgen bei diesen sam\u00adst\u00e4glichen Einkauf\u00adsorgien schon auch mal Sachen mit, die nicht unbe\u00add\u00adingt gebraucht wur\u00adden, das Sor\u00adti\u00adment in den Super\u00adm\u00e4rk\u00adten war ja ger\u00adadezu paradiesisch \u00fcppig, und unsere Mamas waren auch nicht mehr so knapp bei Kasse, dass sie da auf jeden Pfen\u00adnig acht\u00aden mussten.<\/p>\n<p>Ja, und meine Gen\u00ader\u00ada\u00adtion? Ich habe in meinen Jahren als gutver\u00addi\u00adenende beruf\u00adst\u00e4tige Haus- und Ehe\u00adfrau immer zuviel eingekauft, wie ein Eich\u00adh\u00f6rnchen, man kon\u00adnte es sich ja leis\u00adten, und wie sollte ich am Mor\u00adgen schon wis\u00adsen, auf was wir Abends Appetit haben w\u00fcr\u00adden? Also ging beim Met\u00adzger nicht nur das Schnitzel, son\u00addern auch gle\u00adich noch die Kotletts mit, und beim Griechen drei bis f\u00fcnf Sorten Salat und Gem\u00fcse, und noch ein Sor\u00adti\u00adment Antipasti dazu. Das endete lei\u00adder oft damit, dass wir ziem\u00adlich viele Lebens\u00admit\u00adtel weggeschmis\u00adsen haben, weil wir sie nicht rechtzeit\u00adig auf\u00adbrauchen kon\u00adnten. Ich habe jahre\u00adlang an mich hingear\u00adbeit\u00adet, auch als ich schon lang wieder Sin\u00adgle war, und m\u00fch\u00adsam wieder ver\u00adlernt, immer f\u00fcr drei und f\u00fcnf Mahlzeit\u00aden gle\u00adichzeit\u00adig einzukaufen. Das kenne ich auch von vie\u00adlen mein\u00ader Fre\u00adundin\u00adnen in meinem Alter, wir k\u00e4mpfen alle damit, dass wir immer noch mehr heim\u00adtun, als wir tat\u00ads\u00e4ch\u00adlich ver\u00adbrauchen.<\/p>\n<p>Mit den Jahren bin ich da aber bess\u00ader gewor\u00adden, und heute kaufe ich wieder fast so ein, wie es meine Oma getan hat. Milch f\u00fcr meinen Kaf\u00adfee Lat\u00adte, eine frische Sem\u00admel zum Fr\u00fch\u00adst\u00fcck, Kaf\u00adfee wenn der dro\u00adht alle zu wer\u00adden, auch mal ein St\u00fcck K\u00e4se oder eine Tafel Schoko\u00adlade, ein Radler oder eine Viertelflasche Wein f\u00fcr Abends, und anson\u00adsten wirk\u00adlich nur wenn was gebraucht wird, Wasch\u00adpul\u00adver und Klopa\u00adpi\u00ader und sowas. Das wars dann aber wirk\u00adlich, soge\u00adnan\u00adnte Spon\u00adtank\u00e4ufe hab ich mir kom\u00adplett abgew\u00f6h\u00adnt, ich nehm nur mit was auf meinem Einkauf\u00adszettel ste\u00adht, und wenn die Son\u00adderange\u00adbote noch so toll lock\u00aden. Da hil\u00adft es unge\u00admein, dass ich gegen Wer\u00adbung so gut wie immun bin, dank jahre\u00adlan\u00adgen harten Train\u00adings. Und es hil\u00adft auch, dass ich sehr gut kochen kann, und nie, aber wirk\u00adlich nie Fer\u00adtig\u00adgerichte esse.<\/p>\n<p>Das ist die \u00dcber\u00adleitung zur Gen\u00ader\u00ada\u00adtion nach mir: die Kids, die alle nicht mehr kochen k\u00f6n\u00adnen. Manch\u00admal l\u00e4\u00dft es sich nicht ver\u00admei\u00adden, dass ich Abends noch in den Super\u00admarkt gehen muss, und da staune ich immer mit was die j\u00fcn\u00adgeren Leute ihre Einkauf\u00adsw\u00e4\u00adgen f\u00fcllen. Fer\u00adtig\u00adgerichte soweit das Auge reicht, Mag\u00adgi-Fix f\u00fcr alles m\u00f6gliche, Piz\u00adza und Pommes und ander\u00ader Tiefk\u00fchl-Schnell\u00adfrass, dazu noch Chips und Flips und Schoko\u00adlade und S\u00fc\u00dfwaren zuhauf. Fer\u00adtig marinierte Fleis\u00adchwaren (finde ich beson\u00adders gruselig) und abgepack\u00adte W\u00fcrste (sind auch meist scheus\u00adslich), und dann noch vorge\u00adfer\u00adtigte Desserts und Pud\u00adding\u00adp\u00fclverchen f\u00fcr den s\u00fcssen Schluss. Nichts dabei, was ich gern kochen geschweige denn mit Appetit essen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Bin ich so ein Fos\u00adsil? Ich f\u00fcrchte fast, ja. Ich kaufe t\u00e4glich nur das ein, was ich auch bald ver\u00adbrauche, und ich nehme bes\u00adtimmte Marke\u00adnar\u00adtikel \u2014 den Dall\u00admayr Kaf\u00adfee, die Bercht\u00ades\u00adgad\u00adner But\u00adter, das Pfis\u00adter Brot \u2014 weil sie mir bess\u00ader schmeck\u00aden und ich mich auf die gle\u00adich\u00adbleibende Qual\u00adit\u00e4t ver\u00adlassen kann, nicht weil ich sie in der Wer\u00adbung gese\u00adhen habe.&nbsp; Ich lade mir nicht den Einkauf\u00adswa\u00adgen voll, weil ich irgen\u00addeinen Frust bek\u00e4mpfen muss. Shop\u00adping macht mich nicht per se gl\u00fcck\u00adlich, aber ich freue mich an guten Din\u00adgen und bin hap\u00adpy, dass ich es mir leis\u00adten kann zu kaufen was ich gerne mag. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, da k\u00f6n\u00adnen mir die Mar\u00adket\u00ading-Strate\u00adgen und Sales-Experten alle gern mal am Abend begeg\u00adnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe ger\u00adade einen sehr amerikanis\u00adchen Artikel \u00fcber die Psy\u00adcholo\u00adgie des Verkaufens gele\u00adsen, der pos\u00adtuliert dass die Leute haupt\u00ads\u00e4ch\u00adlich aus zwei Gr\u00fcn\u00adden einkaufen: ein\u00admal zum Vergn\u00fc\u00adgen, und zum anderen um Schmerz loszuw\u00ader\u00adden. 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